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Leidenschaftlich mobil

Test der Ohrhörer Campfire Andromeda und Vega

Mit den beiden Ohrhörer-Flaggschiffen, dem Andromeda und dem Vega, geht die amerikanische Firma Campfire je ganz unterschiedliche Wege.

Von Benjamin von Kaenel · 11. Mai 2017
Campfire Vega.Campfire Vega.

Manchmal wird man auf der Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen doch fündig. Dieser Vergleich passt zu meinem neuen Fund, denn Ohrhörer gibt es mittlerweile wie Sand am Meer und deren Erfolg ist oftmals mehr von einem geschickten Marketing beeinflusst als von klanglicher Exzellenz. Doch hin und wieder entwickelt sich eine kleine, eher unbekannte Firma, die zuvor Kopfhörerzubehör hergestellt hat, mit eigens entworfenen Ohrhörern zu einem Geheimtipp, der sich wie ein Lauffeuer durch die Szene der Audioenthusiasten brennt.

Für avguide.ch habe ich die beiden Flaggschiffe der Firma Campfire über die letzten Monate ausführlich getestet und auch ich habe beinahe augenblicklich Feuer gefangen auf eine Weise, wie ich es jedem eingefleischten Audioenthusiasten wünsche: Währendem ich den einen der beiden Kopfhörer vor einem Jahr als den perfekten Ohrhörer beschrieben hätte, hat der andere meine gesamte Art, wie ich Musik heutzutage geniesse, verändert.

In diesem Test werden der Campfire Andromeda und Vega ausführlich gegenübergestellt, um die unterschiedlichen Stärken und Schwächen genauer zu beleuchten.

Optik und Technik

Bei dem Campfire Andromeda handelt es sich um einen Ohrhörer, der durch fünf unterschiedliche Balanced-Armature-Teiber und über ein Dreiwegsystem, also über drei Bohrlöcher zum Singen gebracht wird. Dabei teilen sich die fünf Treiber die Arbeit der Klangwiedergabe. Zwei Treiber kümmern sich um die Tiefen, einer um die Mitten (und was für eine wundervolle Arbeit dieser alleine leistet) und wiederum zwei erheben den Hörer in die himmlischen Sphären der Hochfrequenzen im Klangspektrum.

Langweilig, dachte ich, meinte ich doch, die Technik und die Möglichkeiten der Balanced-Armature-Treiber zu kennen, die schon lange ausgeschöpft schienen. So kann man sich auf eine sehr angenehme Weise irren. Zusätzlich sorgt eine fein abgestimmte Expansionskammer dafür, dass der Andromeda eine einzigartige Klangbühne erhält.

Die Optik wird durch das eigenwillig geformte Aluminiumgehäuse mit dem für der Andromeda charakteristischen grünen Farbe geprägt. Für die Langlebigkeit wird mit einem sogenannten Zirkonium-Blast-Finish gesorgt. Ich vernahm kürzlich ein Gemunkel, dass bald eine blaue Variante des Andromeda erscheinen soll. Der Preis des Campfire Andromeda beläuft sich zurzeit auf 1199 Franken.

Der Campfire Vega hingegen gehört zu den Ohrhörern mit dynamischen Treibern. Hier werden von Campfire jedoch ebenfalls neue Wege eingeschlagen. Statt bei dessen Herstellung beispielsweise Beryllium zu verarbeiten, schlägt im Herz des Vegas buchstäblich ein 8,5 Millimeter grosses nonkristallines Diamantherz. Dabei handelt es sich um eine Weltneuheit, welche die Musikwelt schon immer gebraucht hat, ohne dies zu wissen.

Die daraus resultierende Schallleitungsgeschwindigkeit des Campfire Vega ist zurzeit weltweit ungeschlagen, was ihm gegenüber sämtlichen Ohrhörern einen überaus deutlichen Sonderstatus gibt. In meinen zahlreichen Musiksessionen zeigte sich diese technische Neuerung in der schieren Intensität, wie der Vega Töne in die Richtung meiner Trommelfelle feuerte.

Das Gehäuse des Vega ist aus einer flüssigen Metalllegierung entstanden, die neben den hervorragenden klanglichen Eigenschaften auch noch eine hohe Resistenz gegen Kratzer und chemische Einflüssen vorweist. Der Preis des Vega ist mit seinen 1399 Franken etwas teurer als der Andromeda.

Hörtest zum Andromeda

Oh Andromeda! Welch sublime akustische Anmut du deinen Hörern vermittelst. Mit dem etwas kantigen Äusseren dieses Ohrhörers haben die klanglichen Eigenschaften nichts gemeinsam. Vielmehr versetzte dieser Ohrhörer mich des Öfteren in einen träumerischen Zustand, in dem ich mir beim Hören die Andromeda-Galaxie vorstellte. Welch Farbenpracht, welch distanzierte Schönheit und welch himmlische Perfektion.

Blattgrün: Der Andromeda von Campfire.Blattgrün: Der Andromeda von Campfire.

Der Bass dieses Ohrhörers war die erste Überraschung. Ich glaubte, die Schwäche von Balanced-Armature-Treiber zu kennen, die dazu neigen, einen eher untexturierten und übersimplifizierten Bass zu liefern. Doch der Bass der Andromeda-Ohrhörer ist kräftig, kontrolliert und wohldefiniert. Keine untexturierte Basswurst.

Die Mitten. Hier beginnen BA-Treiber zu brillieren, und auch der Andromeda enttäuscht hier keinesfalls. Die Mitten fügen sich nahtlos und wunderschön in das klangliche Gesamtbild. Eine Qualität, die hier herauszustechen beginnt, ist eine klangliche Luftigkeit, die ich bisher von ohrumschliessenden, offenen Kopfhören à la Sennheiser HD800 kannte. Messerwerte des Campfire Andromeda unterstreichen ebenfalls quantitativ diese Ähnlichkeit zu den Sennheiser HD800. Diese Luftigkeit hält aber die für mich perfekte Balance mit einer dynamischen Gewichtigkeit, die verhindert, dass der Klang zu distanziert klingt. Mystisch.

Oh, die Höhen! Hier erhebt sich der Andromeda endgültig in eine himmlische Sphäre, die den Zuhörer von einem Sternhimmel in einer klaren Herbstnacht träumen und ihn immer wieder von Neuem wünschen lässt, diese Zimbeln oder feinen Glockenklänge noch einmal zu hören.

Räumlichkeit: der perfekte Kopfhörer! Das hätte ich vor einem Jahr verlauten lassen, wenn ich den Andromeda gehört hätte, als ich an meinem Artikel zum Noble K10 sass. 

Die Klangbühne ist weit und scheint eine Hommage an die Weite der fernen Andromeda-Galaxie zu sein. Mich hat bisher kein Ohrhörer bezüglich der Weite der Klangbühne derart erstaunen lassen. Allerdings, und hier kommt der Effekt, der der Campfire Vega auf mich hatte, ins Spiel, besitzt der Andromeda nicht viel Tiefe in der Räumlichkeit. Er vermittelt eher ein kolossales 2-D-Bild der Musik ebenso wie unser Blick auf die Andromeda-Galaxie durch ein Teleskop.

Hörtest zum Vega

Bewusstseinsverändernd wohlklingend: Der Campfire Vega angeschlossen über ein Ref8-Kabel von ALO an einem Lotoo Paw Gold.Bewusstseinsverändernd wohlklingend: Der Campfire Vega angeschlossen über ein Ref8-Kabel von ALO an einem Lotoo Paw Gold.

Viva las Vegas! Dieser Ausruf aus dem gleichnamigen Lied von Elvis Presley umschreibt ziemlich wortwörtlich meinen Eindruck der Campfire Vega und hallt oftmals durch meine Gehirnwindungen, wenn ich diese genialen Ohrhörer in meine Gehörgänge einführe, während mein Gesicht unbewusst einen von Vorfreude geprägten grinsenden Ausdruck annimmt.

Die Vega sind ein klangliches Biest, das ich lange zu zähmen versucht habe und das mich jedoch seinerseits von meinen festgefahrenen Vorstellungen, wie Kopfhörer zu klingen haben, befreit hat.

Der Bass. Ja, das ist klassischerweise die Stärke von dynamischen Ohrhörern gegenüber den BA-Treibern. Meist ist dieser in der Praxis klar gegenüber dem Rest des Klangspektrums deutlich angehoben. Verächter eines angehobenen Basses bitte ich hier inbrünstig nicht weiterzuscrollen, denn der Campfire Vega hat ebenfalls eine deutliche Betonung auf dem Bass. Ich meinerseits möchte hier aber den Blick erstmals von der Quantität des Basses umlenken auf dessen Qualität.

Der Vega hat einer der besten Bässe, den ich ausserhalb einer Livedarbietung gehört habe. Er verdrängt keinesfalls die anderen Frequenzen, sondern bettet diese auf eindrückliche Weise ein, dass die ganze Musik einen Eindruck vermittelt, mitten in der Band oder dem Orchester zu stehen als Dirigent oder Hauptsänger.

Ich selber fühlte mich durch den Vega wieder zurückversetzt in das letzte Mal, als ich in einem Konzert in der ersten Reihe das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart gehört habe und voller Wehmut zu mir sagte, dass keine Aufnahme dieser Welt diese Lebhaftigkeit und Intensität vermitteln könne. Der Vega macht durch seine eigenwillige, aber brillante Abstimmung der Frequenzen riesige Schritte in Richtung dieser, damals herbeigesehnten Utopie. Dieser Effekt ist es, der den Vega zum hellsten Stern an meinem Ohrhörerhimmel macht. Entschuldigung, Andromeda.

Die Mitten erhalten durch den Druck, den der nonkristalline dynamische Diamanttreiber erzeugt, eine Lebhaftigkeit, die dem Zuhörer beispielsweise erlaubt nachzuempfinden, wie ein Künstler einen Songabschnitt singt. Dies nahm beim Song "Your My Best Friend" von Queen gespenstische Züge an: Ab Sekunde 50 fühlt der achtsame Hörer deutlich durch den Druck der P-Laute von Freddy Mercury einen Luftzug im rechten Ohr, als fühle man den scharf ausgestossenen Atemzug der verstorbenen Rockikone. Doch nicht nur Freddy Mercury scheint der Vega wieder zum Leben zu erwecken.

Die Höhen sind die klassischen Schwachpunkte von dynamischen Ohrhörern. Der Vega schlägt sich auch hier vergleichsweise sehr wacker, dennoch vermisste ich hier beim direkten Vergleich mit dem Andromeda die stellaren Eindrücke, die mir dieser in den Höhenfrequenzen bescherte. Der Vega neigt, sollte man ein Silikonaufsatz verwenden und je nach Aufnahme, zu einer leichten Sibilanz, also zu einer unangenehmen Schärfe der Zischlaute um 7kHz. Durch die Verwendung von Schaumstoffaufsätze besteht diese Tendenz nicht mehr, jedoch verleihen diese dem schon starken Bass des Vega einen zusätzlichen Schub. Genau in diesem Dilemma habe ich versucht, dieses Biest, wie ich den Vega liebevoll nenne, zu zähmen.

Die Räumlichkeit des Vega ist für mich das dritte absolute Highlight. Die Klangbühne ist nicht so weit wie beim Andromeda. Anders als Letzterer besitzt der Vega aber eine Dreidimensionalität, die mich an einen 100 Quadratmeter grossen, rechteckigen Bandraum denken lässt, in dem man an der Position des Leadsängers steht. Dazu kommt, dass die Bildlichkeit des Vega punktgenau zu sein scheint. Das bedeutet, dass ich genau weiss, wo welches Instrument spielt. Dort, wo andere Ohrhörer nahe beieinander stehende Instrumente gerne vermischt darstellen, schafft der Vega das Kunststück, eine Trennung in der Tiefendimension herzustellen. Dies unterstützt zusätzlich den Eindruck der Lebhaftigkeit des Vega, und so ich werfe bei einer ausgedehnten Musiksession gerne spasseshalber geistige Tennisbälle in Richtung der räumlich klar getrennten und definierten Instrumente.

Ein Blick auf die quantitativen Aspekte der beiden Ohrhörer. Die grüne Kurve stellt den Vega dar und die graue, unglaublich flache Kurve den Andromeda. 
Quelle: www.Superbestaudiofriends.orgEin Blick auf die quantitativen Aspekte der beiden Ohrhörer. Die grüne Kurve stellt den Vega dar und die graue, unglaublich flache Kurve den Andromeda. Quelle: www.Superbestaudiofriends.org

Fazit

Der Campfire Andromeda und der Vega sind bahnbrechende Produkte, die in Europa noch wenig bekannt sind. Was das Preis-Leistungs-Verhältnis anbelangt, sind die 1199 Franken für den Andromeda, respektive die 1399 Franken für den Vega ein fantastischer Handel. Für vergleichbare Ohrhörer zahlt der passionierte Audioenthusiast zuweilen bis zu 1000 Franken mehr.

Der Test dieser beiden Ohrhörer erinnerte mich daran, warum ich diese Leidenschaft für Musik in der miniaturisierten Form entwickelt habe, und bot  reichlich Nahrung und Inspiration für mein Verständnis und meine Wahrnehmung von dieser Form von Musik.

Ein grösseres Kompliment kann ich Ken Ball von Campfire Audio nicht machen, der mir diesen Test ermöglicht hatte. Ken, du verdienst deinen Erfolg in der Szene der Musikenthusiasten, und ich freue mich auf kommende Klangperlen aus deiner Kopfhörerschmiede.

Bis es wieder so weit ist, geniesse ich weiter mit meinen Vega intensive und fesselnde Privatkonzerte im Bandraum meiner Lieblingsmusiker oder entspannte Musiksessionen mit dem Andromeda wie ein Betrachter des Nachthimmels an seinem Lagerfeuer in einer klaren Herbstnacht.

Steckbrief
Modell:
Vega
Profil:
Der Campfire Andromeda ist ein bahnbrechendes Produkt.
Pro:
Lebhaftes und fesselndes Musikerlebnis
Richtungsweisende Qualität des Basses
Gute Höhen für einen dynamischen Treiber
Dreidimensionale Klangbühne mit überzeugender Bildlichkeit
Contra:
Subjektiv: Quantitativ eher viel Bass und
leichte Sibilanz je nach Aufsatz und Aufnahme
Preis:
1,399.00 CHF
Hersteller:
Campfire Audio
Jahrgang:
2016
Vertrieb:
K55
Masse:
n.A mm
Gewicht:
n.A kg
Farbe:
Metallisch grau
Noise Cancelling:
Ja
Bauprinzip:
InEar
Frequenzgang:
5Hz-22kHz ± 3dB
Impedanz:
17.5 Ohm
Ladezeit:
- h
Treibereinheit:
non-kristalliner, dynamischer Diamanttreiber
Verwendungsdauer:
200 h
Modell:
Andromeda
Profil:
Bass der Andromeda-Ohrhörer ist kräftig, kontrolliert und wohldefiniert.
Pro:
Luftigkeit der Mitten und Höhen
Stellare Höhen
Flaches aber nicht langweiliges Klangspektrum
Weite Klangbühne
Contra:
Komfort: Eher grosses und kantiges Äusseres
Wenig Dreidimensionalität bei der Klangbühne
Preis:
1,199.00 CHF
Hersteller:
Campfire Audio
Jahrgang:
2016
Vertrieb:
K55
Masse:
n.A mm
Gewicht:
n.A kg
Farbe:
Anthrazit
Noise Cancelling:
Ja
Bauprinzip:
InEar
Frequenzgang:
10Hz-28kHz ± 3dB
Impedanz:
12,8 Ohm
Treibereinheit:
5 Balanced Armature Teiber
Verwendungsdauer:
60 h
Onlinefassung: https://www.avguide.ch/testbericht/leidenschaftlich-mobil-test-der-ohrhoerer-campfire-andromeda-und-vega
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