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Violine in DSD und PCM

Werke von Vivaldi und Mozart

In dieser Rezension geht es um zwei im DSD-Format geborene HiRes-Alben von Harmonia mundi mit dem Orchester The English Concert und dem Violinisten und Dirigenten Andrew Manze, die bei vielen Gemeinsamkeiten doch grundverschieden klingen.

Von Hans Jürg Baum · 30. Januar 2018
Beide Alben sind nach über zehn Jahren aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht – eines im DSD-, das andere im PCM-Format.Beide Alben sind nach über zehn Jahren aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht – eines im DSD-, das andere im PCM-Format.

Es handelt sich um folgende bei Harmonia mundi erschienenen Alben: «Concertos for the Emperor» mit barocken Violin-Werken von Antonio Vivaldi, aufgenommen im Jahre 2004, und dem nur ein Jahr später entstandenen Klassik-Album «3 Violin Concertos» mit Werken von W. A. Mozart. Beide Alben werden vom Geiger und Dirigenten Andrew Manze und dem Orchester The English Concert interpretiert und sind in den Air Studios, Lyndhurst Hall in London von derselben Aufnahme-Crew aufgenommen worden.

Während das Vivaldi-Album die barocken Streicherwerke in einem strahlend hellen Klang bringt, erscheinen Solist und Orchester im Mozart-Album grundverschieden abgemischt und mit einem deutlich wärmen Klangtimbre. Woher diese Klangunterschiede stammen, darf gerätselt werden.

DSD gegen PCM

DSD oder PCM? Jahrelang hat man darüber gestritten, welches der beiden hochaufösenden Musikformate nun das besser klingende Format sei. Viele audiophile Hörer und natürlich die Werbeabteilungen von Sony und Philips behaupteten, dass ihre im Jahre 2003 lancierte SACD mit dem DSD-1Bit-Verfahren besser klänge als die fast gleichzeitig auf den Markt geworfene Konkurrenz-Disc DVD-Audio in PCM. Andere wiederum behaupteten – und dazu zähle ich mich –, dass sich die beiden Formate etwa in der Mitte treffen, was bei Klangvergleichen zwischen der SACD (in DSD) und DVD-Audio (in PCM) zur Genüge bewiesen wurde.

Geiger und Dirigent der besonderen Art

Brillant und authentisch: Violinist und Dirigent Andrew Manze.Brillant und authentisch: Violinist und Dirigent Andrew Manze.

Der britische Geiger und Dirigent Andrew Manze wird zu den Interpreten gezählt, die auf sogenannt authentische Spielweisen setzten, die also mindestens versuchen so zu spielen, wie das zu Zeiten der entsprechenden Komponisten üblich war. Aber da man aus dieser Zeit keine Aufnahmen, sondern höchstens Beschreibungen zu Rate ziehen kann, eröffnet sich ein weites Feld für sehr unterschiedliche Ansichten und Behauptungen. Im Gegensatz zu anderen Musikern, die sich der authentischen Spielweise verschrieben haben, sind hier keine von völlig unmusikalischen Musikwissenschaftlern propagierten akademischen Mätzchen zu hören, die nicht nur in meinen, sondern auch in vielen anderen Ohren grauenhaft und absolut geschmacklos klingen.

Nein! Andrew Manze spielt zwar auf eine ganz besondere Art, doch klingt es immer grundmusikalisch und natürlich. Manze geizt mit dem Vibrato und setzt es nur dann ein, wenn er es wirklich für angebracht hält. So spielt er oft schnurgerade Töne, die nur ganz kurz vor dem Ausklingen noch ein dezentes Vibrato erhalten. Das klingt nicht nur ausserordentlich schön, sondern auch viel lebendiger, als wenn der Geiger jeden Ton mit gleich intensivem Vibrato spielt.

Und in Sachen bogentechnischer Feinheiten ist Manze der absolute Meister! Wie er im Pianissimo den Bogen mit federleichtem Druck über die Saiten streichen lässt und ihnen ein zartes Hauchen entlockt, erstaunt immer wieder. Dass auf diese feinste Art und Weise die Saiten überhaupt noch ansprechen, grenzt an ein Wunder. Andrerseits kann er seiner Geige mit sattem Bogenstrich auch mal kräftige, aber immer edle Töne entlocken und holt so die ganze Dynamik aus diesem Instrument.

In PCM bei Qobuz wiedergeboren

Ursprünglich eine SACD in DSD, heute bei Qobuz in HiRes-PCM 88,2 kHz / 24 Bit erhältlich zum Downloaden oder Streamen. Ursprünglich eine SACD in DSD, heute bei Qobuz in HiRes-PCM 88,2 kHz / 24 Bit erhältlich zum Downloaden oder Streamen.

Das Album Concertos for the Emperor befindet sich seit Langem als Hybrid-SACD in meiner Sammlung. Vereinzelt ist diese SACD mit wunderschönen Vivaldi-Werken heute noch im Handel zu ergattern. Bei Qobuz ist dieses Album nun als PCM 88,2 kHz / 24 Bit als Download und auch per Streaming erhältlich.

Bei diesen barocken Violin-Konzerten ist Andrew Manze ganz im Element und zeigt seine ganze Virtuosität. Auch das Orchester spielt mit Können und grosser Spielfreude. Ab und zu hätte ich mir gewünscht, dass man den Solisten etwas deutlicher aus dem Orchesterklang herausgehoben hätte. So muss ich der Versuchung widerstehen, den Lautstärkeregler bei Solopassagen etwas aufzudrehen und ihn dann bei den dann allzu laut erscheinenden Orchester-Tutti wieder zurückzudrehen.

Klanglich liegt das Album auf der hellen, brillanten Seite, was diesen barocken Werken gut ansteht, solange die Wiedergabeanlage nicht auch schon mit betonter Brillanz zum Konzert aufspielt. Dann nämlich kann es vorkommen, dass diese Aufnahmen etwas höhenbetont und unterkühlt wirken.

DSD kontra PCM

Am DSD-Anfang war die SACD: Abgespielt wird der SACD-Layer in Stereo. Der Vergleich zur Qobuz-Version in PCM 88,2 kHz / 24 Bit kann beginnen ... (Pssst! Nicht weitererzählen: In Multi Channel 5.1 klingt das Album absolut fantastisch.)Am DSD-Anfang war die SACD: Abgespielt wird der SACD-Layer in Stereo. Der Vergleich zur Qobuz-Version in PCM 88,2 kHz / 24 Bit kann beginnen ... (Pssst! Nicht weitererzählen: In Multi Channel 5.1 klingt das Album absolut fantastisch.)

Nun kommt es zu einem etwas seltsamen, ganz gewiss etwas hinkenden, aber dennoch hochinteressanten Vergleich: Die originale SACD ab SACD-Player gegen die von Qobuz gekaufte PCM-Version ab HiRes-Player. Die SACD wird über den legendären und gut erhaltenen Sony-SACD-Player SCD-XB770 in Stereo abgespielt, die PCM-Version über den Pioneer-HiRes-Player XDP-300R.

Doch der Vergleich überrascht. Beide Versionen klingen hervorragend! Ab SACD erscheinen die Streicherwerke eine Nuance griffiger und konturierter, die PCM-Version klingt jedoch kaum schlechter und bietet im Prinzip den gleichen strahlend-brillanten Klang. Es ist jedoch anzunehmen, dass diese geringfügigen Klangunterschiede nicht nur von den unterschiedlichen Formaten DSD und PCM, sondern auch von den Wandlern der so unterschiedlichen Player her stammen. Doch habe ich Mühe, eine Version als klar besser zu bezeichnen.

Damit glaube ich, wieder einmal zu erfahren, dass PCM in High Resolution nicht schlechter als DSD klingt. Anderslautende Meinungen und Erfahrungen können am Ende dieser Rezension eingetragen werden. Da bin ich ja mal sehr gespannt ... und hoffe doch sehr, dass man mir nicht nur freundlich zunickt, sondern auch energisch widerspricht.

Vom Barock zur Klassik

Ursprünglich ebenfalls eine Hybrid-SACD, heute in zweikanaligem DSD bei Highresaudio zu downloaden.Ursprünglich ebenfalls eine Hybrid-SACD, heute in zweikanaligem DSD bei Highresaudio zu downloaden.

An Aufnahmen der drei Mozart-Violin-Konzerte KV 216, KV 218 und KV 219 mangelt es heute wahrlich nicht. Doch das hier vorliegende Album «3 Violin Concertos» mit dem Geiger und Dirigenten Andrew Manze und dem Orchester The English Concert unterscheidet sich von der breiten Masse nicht nur klanglich, sondern auch bezüglich der Interpretation.

Diese Werke wurden vom Label Harmonia mundi USA 2005 ebenfalls in den Air Studios, Lyndhurst Hall in London, aufgenommen und sind nun bei highresaudio.com als DSD-Download erhältlich. Für DSD-Freaks: Laut Angaben von Harmonia mundi soll es sich um eine (stuben-) reine, originale DSD-Aufnahme handeln, die nicht auf dem Umweg über PCM bearbeitet und dann – wie es oft üblich ist –  wieder zurück ins DSD-Format transferiert wurde.

Mozart pur

So waren denn meine Erwartungen an das Album extrem hoch, und als dieser DSD-Download via meinem neuen HiRes-Referenzplayer Pioneer XDP-300R dann endlich in meinem Abhörraum erklingt, muss ich zugeben, dass hier musikalisch höchst Erfreuliches – nämlich Mozart pur – geboten wird. Andrew Manze spielt in der bereits beschriebenen Art und Weise und lässt die Mozart-Werke so erklingen, wie es zu Mozarts Zeiten absolut denkbar gewesen wäre.

Im heimischen Konzertsaal

In meinem eher kleinen Abhörraum werden die Klangfarben der Streicher von einem Piega Coax 10.2 angenehm brillant und mit natürlicher Wärme reproduziert. Bei der Darstellung des Orchesters fällt mir allerdings auf, dass die ersten Orchesterviolinen ganz weit aussen links platziert wurden und zeitweise aus dem sonst homogenen Klangkörper herausfallen. Versuchsweise rücke ich die Lautsprecher etwas näher zusammen, sodass dieser unerwünschte Effekt deutlich reduziert wird.

Wie schon beim Vivaldi-Album lässt sich der Solist Andrew Manze vom Sound-Engineer nicht in den Vordergrund mischen. Er sieht das Ganze auch aus der Sicht eines Dirigenten und lässt sich selber in der Art von gutem British Understatement auf natürliche Art und nicht vordergründig ins Orchester integrieren. So verschmilzt sein Instrument im Tutti voll und ganz mit dem Orchesterklang und tritt lediglich bei echten Solo-Passagen hervor. Alles in allem bin ich zwar überzeugt, einen guten Kauf getätigt zu haben, aber die Freude will nicht in überschwängliche Begeisterung ausarten.

Vorhang auf!

Die Master Line Source 2 von Piega zeigt das ganze klangliche Potenzial des DSD-Downloads «3 Violin Concertos» von Harmonia mundi.Die Master Line Source 2 von Piega zeigt das ganze klangliche Potenzial des DSD-Downloads «3 Violin Concertos» von Harmonia mundi.

Doch dann habe ich die Gelegenheit, diese Aufnahme im neu renovierten Abhörraum der Firma Piega über die bereits bei avguide.ch getesteten Coax 511 mit den Coax-Bändchen der 2. Generation anzuhören. Wie das klingt, wurde bereits im Artikel Piega im Wandel beschrieben. Bei dieser Wiedergabe zeigt sich das grosse Potenzial dieser Aufnahme. Und wie diese Mozart-Werke über die grosse Master Line Source 2 erklingen, grenzt schon fast an ein Wunder. Nicht zuletzt dank der Tatsache, dass die Master Line Source zu den Dipolstrahlern gehört, erscheint das Kammerorchester in natürlichen Dimensionen und mit faszinierender Tiefenstaffelung.

Fazit

Bei den beiden hier besprochenen Alben lässt der exzellente Geiger und Dirigent Andrew Manze mit seinem Orchester The English Concert sein ganzes Können aufblitzen. Obwohl die Aufnahmedaten dieser beiden im selben Raum und von derselben Crew aufgenommenen Alben nur rund ein Jahr auseinanderliegen, klingen sie grundverschieden. Doch ein strahlend heller Klang passt gut zu den brillanten, barocken Werken von Vivaldi, während die deutlich wärmer klingenden klassischen Streicherklänge von Mozart ganz gewiss auch den Komponisten begeistert hätten ...

Steckbrief
Onlinefassung: https://www.avguide.ch/musikrezension/violine-in-dsd-und-pcm-werke-von-vivaldi-und-mozart
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