Sendy Audio Aiva,Sendy Audio ist eine Untermarke von Dongguan Sivga Electronic Technology. Sivga, wie sich die Firma in der Kurzform nennt, wurde 2016 von einer kleinen Gruppe chinesischer Audio-Enthusiasten gegründet. Egal, ob unterwegs oder zu Hause: Musikhören über Kopfhörer besitzt in China einen hohen Stellenwert. Das Setup aus Verstärker und Hörer darf etwas kosten und ist im besten Fall qualitativ repräsentativ. Der Markt an exquisiten Kopfhörern ist entsprechend gross. Längst nicht alle Modelle schaffen es jedoch nach Europa.
Unter dem Label Sendy Audio bewirtschaftet Sigva den westlichen Markt und lanciert den Aiva, der an der CamJam 2019 für einiges Aufsehen in der Community sorgte. Seit diesem Frühjahr sind die Sendy-Audio-Kopfhörer dank dem Vertreiber Portacomp in der Schweiz direkt erhältlich. Ein treffender Zeitpunkt für uns, den Newcomer aus China im Detail anzuschauen.
Freude beim Unpacking: Sendy Audio Aiva mit Schachtel, Aufbewahrungsbox sowie Leinensäcken für Kabel und Adapter.Beim Auspacken staunt man schon mal nicht schlecht. Das scheint alles bis in Detail perfekt und liebevoll durchdacht – von der Kartonage bis zum Leinensäckchen für die Kabel. Zum Paket gehört auch eine schwarze Kunstlederbox zur Aufbewahrung, die perfekt auf die Form des Aiva angepasst ist.
Hörmuschel aus Holz
Um eine neue Marke erfolgreich einzuführen, ist ein Alleinstellungsmerkmal hilfreich. Beim Sendy Audio Aiva ist es die Herstellung der Hörmuschel, die nach eigenen Angaben in Handarbeit gefertigt wird. Man beruft sich auf nicht näher bezeichnete traditionelle handwerkliche Produktionstechniken und wählte das hochwertige Zebrano-Massivholz als Gehäusematerial.
Auf die Herstellung der Hörmuschel mit verarbeitender Holzschnitttechnik ist man stolz und legt grössten Wert auf die manuelle und einzigartige Herstellung. Die Produktion von Kopfhörern versteht man als Handwerkskunst und ist damit «europäischer» als mancher Hersteller vom alten Kontinent, der lieblos bei Foxconn produziert und sein Erbe und seine Kompetenz in der Produktionstechnik zunehmend verwässert.
Die Hörmuschel des Sendy Audio Aiva wird in Handarbeit geschnitzt ...Die Basis für die Hörmuschel ist wie erwähnt Zebrano-Holz, ein schweres Holz mit Festigkeitseigenschaften, die über denen von Eichenhölzern liegen. Der gesamte Produktionsprozess vom Schneiden, Schnitzen, Polieren bis hin zum wiederholten Trocknen ist beschwerlich und erfordert nach eigenen Angaben viel Arbeitskraft und Zeit.
... und geschliffen.Das Resultat kann sich wahrlich sehen lassen. Jeder Aiva ist eine Augenweide und in der Farbe und Textur der hölzernen Hörmuschel einzigartig. Die Aussenseite der akustisch offenen Hörmuschel wird durch ein feingliedriges Lochblech und ein überlagertes schwarzes Metallgitter im Fischschwanz-Design abgedeckt. Die Optik ist faszinierend.
Ear-Pads & Tragbügel
Zum ungemein edlen Erscheinungsbild trägt der Tragebügel aus anodisiertem Metall bei, der durch ein ledernes Kopfband ergänzt wird. Das Kopfband lässt sich in der Position leicht variieren. Um es dauerhaft am Tragbügel zu fixieren, benötigt man einen kleinen Innensechskant.
Der Tragbügel geht über ein CND gefrästes Endstück in die Treibergabeln über. Diese bewegen sich circa um 30 Grad frei in der Achse, um sich der Kopfform anzupassen.
Die Ohrpolster sind mit einem hochwertigen Wildleder umrandet. Um sicherzustellen, dass die Hörer komfortabel anliegen, haben die Ear-Pads eine asymmetrische Form. Das Samtpolster umschliesst das Ohr mit gleichmässigem Druck, sodass es ergonomisch auf der Kopfhaut aufliegt.
Hervorragende Verarbeitung bei der Hörmuschel und edle Materialwahl bei den Ear-Pads.Magnetostat als Schallwandler
In der Hörmuschel arbeitet ein 97 x 76 mm grosser, doppelseitiger Magnetostat als Schallwandler. Für alle, denen die Technik der Magnetostaten nicht geläufig ist, ein kurzer Überblick:
Bei einem dynamischen Schallwandler, den man in 95 % aller Kopfhörer findet, wird eine steife Membran mittig durch eine aufgeklebte stromdurchfliessende Schwingspule in eine Kolbenbewegung versetzt, um Schall zu erzeugen. Beim Magnetosten sind Stromleiter und Membran identisch. Eine dünne und extrem leichte Kunststofffolie wird zwischen zwei starken Festmagneten eingespannt. Auf dieser Membran wird ein mäandrierender Metallstreifen aufgedampft.
Aufbau des Aiva-Schallwandlers. In der Mitte liegt die Folie mit aufgedampfter Leiterbahn. Beidseitig wird sie von grossflächigen Festmagneten umgeben.Fliesst ein Strom durch den Metallstreifen der Folie, wird die Membran im Rhythmus der veränderten magnetischen Kräfte bewegt. Somit wird Schall erzeugt. Daher die Bezeichnung «Magnetostat». Dabei wird eine grosse Membranfläche für Tiefgang im Bassbereich benötigt. Die Magnetostaten haben aber trotzdem eine Masse-arme und damit viel leichtere Membran als herkömmliche dynamische Wandler mit ihrer Schwingspule.
Zusammen mit der gleichmässigen Anregung über die gesamte Membranfläche ergibt sich eine deutlich bessere Feinauflösung mit weniger Artefakten in Form von Überschwingern als bei dynamischen Wandlern. Schall wird auf der Vorder- und auf der Rückseite erzeugt. Bei Lautsprechern wird die erforderliche Grösse schnell zum Problem. Für Kopfhörer sind Magnetosten jedoch perfekt geeignet.
Kabel
In einem hellgrauen Leinenbeutel liegt dem Aiva ein 1,4 Meter langes Kupferkabel hoher Qualität bei. Per Mini-Klinkenstecker verbindet man es mit den beiden Hörmuscheln. Am anderen Ende stattete Sendy Audio das Kabel mit dem modernen, symmetrischen 4,4-Pentaconn-Stecker aus.
Hochwertige portable Audioplayer mit symmetrischem Audio-Ausgang verwenden heute beinahe durchgehend den Pentaconn-Anschluss. Die beliebten DACs von iFi Audio fürs Homeoffice und On-the-Go setzen ebenfalls auf Pentaconn. Das gewählte Format macht Sinn.
Kopfhörerverstärker für den Heimgebrauch verwenden beim symmetrischen Anschluss jedoch eine 4-Pol-XLR- oder eine 6,3-mm-Klinkenbuchse. Als Adapter liegt weltweit beim Sendy Audio lediglich ein Übergang auf 3,5-mm-Miniklinke bei. Für die grosse Klinkenbuchse wird nochmals ein Adapter von Miniklinke auf 6,3 mm notwendig. Das sind dann etwas gar viele Adapter. Erstens sind sie unpraktisch und zweitens eine Quelle für Klangbeeinträchtigungen.
Der Schweizer Vertrieb legte sich kräftig ins Zeug und liefert in der Schweiz den Aiva mit einem sonst nur schwer erhältlichen, kostenlosen Adapter von Pentaconn auf das 6,3-mm-Klinkenformat aus. Zusätzlich bietet man für 99 Franken ein alternatives Kabel an: ohne Pentaconn und Adapter, aber mit einem 6,3-mm-Klinkenstecker. Verschiedene Anwendungssituationen werden damit abgedeckt. Gut gemacht!
Praxis- und Hörtest
Mit 420 Gramm ist der Sendy Audio Aiva kein Leichtgewicht. Verantwortlich für das Gewicht sind die schweren Festmagnete des Schallwandlers. Trotzdem ist er komfortabel zu tragen. Die Ohrpolster schliessen hervorragend ab. Kopfband und Polster fühlen sich angenehm sanft und weich an. Nach kurzer Zeit nimmt man ihn kaum mehr wahr. Beim Langzeithören neigt er nicht dazu, «heisse Ohren» zu verursachen. Gerne verwendete ich ihn daher für Bearbeitungen von Audioproduktion am PC. Einziger Wermutstropfen: Leider lässt sich der Bügel in der horizontalen Ausdehnung nicht anpassen. Bei Personen mit kleiner Kopfgrösse kann es eng werden mit dem Anpressdruck.
Mit einer Impedanz von 32 Ohm und 96 dB Wirkungsgrad – beides gemäss Datenblatt – sollte er keine grossen Ansprüche an die Leistungsfähigkeit der Verstärker stellen. Trotzdem würde ich empfehlen, den Aiva mit einem guten Kopfhörerverstärker zu betreiben. Die Wiedergabe gewinnt dann an Transparenz und Frische. Hervorragend harmoniert er mit dem portablen iFi Hip DAC. Dass ausgerechnet der Apollo-Quad-Wandler Mühe hatte, den Aiva mit Leistung zu versorgen, stellt primär dem teuren Profigerät kein gutes Zeugnis aus. Es zeigt aber exemplarisch, dass Magnetostaten mit ausreichend Strom versorgt werden müssen.
Schalldruck am Kunstkopf gemessen: Gut zu sehen – und zu hören – ist die Absenkung in den oberen Mitten. Die Resonanz bei 16 kHz ist kaum noch wahrnehmbar.Als perfekter Spielpartner erwies sich der Burson Conductor 3. Der klangschöne und quirlige Class-A-Kopfhörer-Amp aus Australien trieb den Newcomer aus China zu einem beeindruckenden Klangerlebnis an. Die Folie des Magnetostaten benötigte erst mal 20 Stunden Einlaufzeit, um eine gewisse Zurückhaltung in den Mitte zu überwinden, dann glänzte der Newcomer aus China mit einer geschmeidig weichen und frappant mühelos luftigen Klangentfaltung.
Die tonale Balance zeigt einen dezenten Hang zu Loudness-Effekt. Damit ist gemeint, dass die oberen Mitten – dem Bereich, in dem unser Gehör am empfindlichsten ist – leicht zurückgenommen sind. Ein Ansatz, der bei Kopfhörern, bei denen die Schallauslösung ja direkt am Ohr liegt, sinnvoll ist. Zusammen mit dem leicht akzentuierten Grundtonbereich ergibt sich eine wunderbar samtige und angenehm unaufdringliche Klangbalance, die auch nach stundenlangem Hören nicht ermüdet.
Feinsinnige Hörer werden die nervenschonende Abstimmung geniessen. Der Aiva klingt aber nicht muffig. Im Gegenteil: Mit der typischen Leichtigkeit eines Magnetostaten brilliert er mit hohem Auflösungsvermögen und öffnet den Raum für den akustischen Tiefenblick. Mühelos bringt der filigrane Nuancen in Spielweise und Klangfarben plastisch zu Geltung. Zum Beispiel bei den meditativen und sensibel rhythmisierten Piano-Texturen aus Nik Bärtschs neuem Album «Entendre» oder den wundervoll modulierten Moog-Synthesizerklängen von Lisa Bella Donnas «Mysterium, Unión Futura».
Der Sendy Audio Aiva mit dem Burson Conductor 3 Performance.Der Aiva klingt tonal immer warm sonor, mit körperhaften unteren Mitten und einer – wenigstens für meinen Geschmack – ausgesprochen harmonischen Stimmenwiedergabe. Nie wirkt er angestrengt und schon gar nie dröhnend (Fragments Part I – «Traviata» von Teodor Currentzis).
Nicht minder überzeugend ist die Impulswiedergabe, die ich mit präzise, mehr als ausreichend dynamisch und frei von Artefakten beschrieben würde. Der Aiva profitiert sicherlich auch von seiner offenen Bauweise. Wo kein Kompressionsdruck durch ein Gehäuse vorhanden ist, kann sich Leichtigkeit breitmachen. Komplexe Arrangements bekommen Luft zum Atmen. Davon profitieren komplexe Arrangements und klangfarbenreiche Instrumente wie das Saxophon von Charles Lloyd im Titelstück zum Album «Vanished Gardens» («Blue Note»), bei dem der Aiva mit einem wunderbaren Stakkato an Klangfarben und schöner Separierung der Musiker glänzte.
Im Vergleich zur bekannten Prominenz von Sennheiser agiert der Sendy Audio Aiva im Präsenzbereich sicherlich zurückhaltender, ja fast distanzierter in der Stimmenwiedergabe und mit einem dezent akzentuierten Bass.
Ob es an den in Handarbeit geschnitztem Holz-Ohrmuscheln liegt, werde ich wohl nie eruieren können, Doch der Sendy Audio Aiva hat einen organisch temperierten Klangcharakter, den man kaum missen möchte. Das Klangtimbre wirkt ungemein natürlich und klingt so gar nicht nach Plastik.
Fazit
Sendy Audio Aiva.Mit einem Preis von 699 Franken ist der Sendy Audio Aiva Magnetostat ein Volltreffer. Er ist ein Kopfhörer für Geniesser eines weichen, in den Mitten zurückhaltenden Klangbilds. Mit seiner Leichtigkeit, nuancierte Spielweisen und Klangfarben aufzuzeigen, sorgt er für viel Hörspass. Klanglich spielt er mindestens eine Klasse über seinem Preisbereich. Der Tragekomfort und die hohe Verarbeitungsqualität runden das gelungene Gesamtbild ab.