avguide.ch Druckansicht · 20.09.2026

An den Ohren gepackt

Test des Standlautsprechers Alexx V von Wilson

Der Alexx V von Wilson Audio will zu den bestimmenden Standlautsprechern im High-End-Audio gehören. Kann man mit Lautsprechern eine Erweiterung des musikalischen Bewusstseins erleben?

Von Christian Wenger · 10. Dezember 2021
Alexx V.Alexx V.

Wilson Audio ist ein grosser Name des US-High-End-Audio, die Lautsprecher von Wilson Audio sind Inbegriff für das technisch Machbare und das über Jahrzehnte perfektionierte Design. Die grosse Marke hat auch eine Zukunft, denn sie hat kein Nachfolgeproblem und ist daran, einzelne Hersteller kritischer Komponenten zu kaufen – so zum Beispiel den Hersteller von Kondensatoren, mit denen die Frequenzweichen seit vielen Jahren bestückt werden. So lange es High-End-Audio im klassischen Sinn geben wird, und somit die aufwändigen und kostspieligen Geräteparks aka «Ketten», so lange wird Wilson Audio mit seinen Lautsprechern vermutlich eine dominante Rolle spielen.

Üblicherweise hat eine Schlussfolgerung am Anfang eines Berichts wenig zu suchen, doch handelt es sich bei obigen Zeilen nicht um eine solche, sondern um eine Art Statusbericht. Denn die Frage nach der Zukunft von High-End-Audio stellt sich hierzulande und europaweit tatsächlich, real und ohne Häme. Die wirklich lukrativen Märkte für die Topmarken sind zurzeit in Asien beheimatet.

Das liegt nicht am Geld, davon gibt's auch auf dem europäischen Kontinent genug, sondern an der Lust auf Präsentation und Repräsentation, die hierzulande dank political correctness und Understatement so ziemlich den Bach runtergeht. Kommt hinzu, dass viele solvente Leute schlicht nicht mehr wissen, worum es bei High-End-Audio geht. Die «Bescheidenheit» der Vernunft-transpirierenden Europäer zeugt nicht eben von musikalischer Lebensfreude.

Für alle, die das keinen Deut kümmert und die gleichwohl Musik über alles lieben, haben wir uns dem neusten Wurf von Wilson Audio, dem Standlautsprecher Alexx V angenommen. Natürlich auch mit dem standesgemässen Begleitorchester, also mit den Quellengeräten, Vorverstärkern und Endstufen.

Als ich mich in der Test-Location einem dieser Prachtstücke näherte, beschlich mich ein euphorisches Gefühl, denn die physische Ausstrahlung dieser Wahnsinns-Teile ist schon schwer zu übertreffen. Da kann ich mich noch so rational davon distanzieren wollen, so vernünftig abgrenzen, mit Mahnfinger und Argument. Mein Herz kommt zu der alten Schlussfolgerung von Mani Matter: «... hätt i doch früecher afa spara».

Die seitlichen Träger sind bei der Alexx V skelettiert (im Bild ohne die Abdeckungen) für eine luftigere optische Anmutung und auch aus praktischen Gründen (Zugriff).Die seitlichen Träger sind bei der Alexx V skelettiert (im Bild ohne die Abdeckungen) für eine luftigere optische Anmutung und auch aus praktischen Gründen (Zugriff).

Konstruktion und Design

Die 161 cm und somit fast mannshohen Alexx V wirken nicht so gross und wuchtig, wie sie mit 227 kg Gewicht (pro Lautsprecher) de facto sind. Sie strahlen eine schon fast lässige Selbstverständlichkeit aus. Man kann sie sich im grosszügigen Wohnraum durchaus vorstellen. Wilson Audio hat in den vergangenen Jahren ernsthaft daran gearbeitet, das alte «Kisten-Image» wegzusperren, ohne Abstriche bei Funktion und Performance zu machen. Im Vergleich zur Vorversion haben die Alexx V einen Hoch-Mittelton-Aufbau, der nun dank Skelettierung offener und transparenter und auch ein wenig technischer wirkt. Dank der abnehmbaren Abdeckungen dieser neu geschaffenen Öffnungen gelangt man besser an die drei Schallwandlermodule, wenn man sie perfekt installieren und ausrichten will.

Darüber hinaus ähnelt Alexx V dank der Neugestaltung dieses Oberteils nun auch deutlicher den grösseren Schwestern Chronosonic XVX und WAMM Master Chronosonic. Ich weiss nicht genau, ob man das so beabsichtigte, aber ich bin mir fast sicher, dass es so zutrifft.

Wilson-typische, extrem hochwertige Verkabelung der Schallwandler-Module mit den bewährten Widerstands-Ports für exakte Anpassungen.Wilson-typische, extrem hochwertige Verkabelung der Schallwandler-Module mit den bewährten Widerstands-Ports für exakte Anpassungen.

Der Hoch/Mittelton-Bereich besteht aus drei separaten Gehäusen. Das geschlossene und abgedichtete Hochtongehäuse ist mit dem bewährten Seidenkalotten-Hochtöner bestückt. Das obere und kleinere Mitteltongehäuse beherbergt einen dynamischen Mitteltöner mit 146 mm Membrandurchmesser und rückseitiger Belüftung. Im deutlich gösseren unteren Mitteltongehäuse arbeitet ein dynamischer Schallwandler mit 178 mm Durchmesser. Die Belüftung ist ebenfalls auf der Rückseite angebracht. Die drei Schallwände unter den Abdeckungen sind jeweils mit einem dicken und weichen Vlies ausgekleidet. Die drei Schallwandler-Module können sowohl bezüglich ihren Abstrahlwinkeln als auch der Postion zueinander exakt positioniert werden. Dazu mehr unter WASP.

Die Verkabelung der Module ist Wilson-typisch sehr aufwändig, aber auch einfach gemacht. Dazu können auch die Schallpegel der Übertragungsbereiche mittels Widerständen den Hörpräferenzen angepasst werden.

Sämtliche Schallwandler (im Bild der Seidenkalotten-Hochtöner) sind von einer dicken Schicht Dämpfungsmatte eingefasst.Sämtliche Schallwandler (im Bild der Seidenkalotten-Hochtöner) sind von einer dicken Schicht Dämpfungsmatte eingefasst.

Der Tieftonbereich arbeitet mit zwei fast gleich grossen Basstreibern: Der kleinere verfügt über einen Membran-Durchmesser von 267 mm und der geringfügig grössere Treiber über 317 mm. Sie arbeiten im gleichen Gehäuse mit einem Bassreflex-Port, wahlweise gegen hinten oder in Richtung Hörposition gerichtet. In einem abgeschlossenen Bereich des Gehäuses ist die Frequenzweiche unter einer passenden Abdeckung untergebracht. Auch die Schallwand des Bassmoduls ist mit einem weichen, dichten Vlies ausgestattet.

Man braucht sich übrigens für Montage und Justierung nicht um Werkzeuge zu kümmern. Die Zubehör-Box, bestehend aus einem Spike-Kit und einem Tool-Kit ist sehr reichhaltig ausgestattet und lässt keine Wünsche offen.

W.A.S.P. = Wilson Audio Setup Procedure: Das Erfassungsblatt für alle Einstellungen der Anwendung, ausgehend vom Hörabstand und der Sitzhöhe (Ohr-Achse über Boden).W.A.S.P. = Wilson Audio Setup Procedure: Das Erfassungsblatt für alle Einstellungen der Anwendung, ausgehend vom Hörabstand und der Sitzhöhe (Ohr-Achse über Boden).

W.A.S.P.

W.A.S.P. bedeutet so viel wie Wilson Audio Setup Prodecure, also eine sehr exakte Anleitung zur idealen Aufstellung von Wilson-Lautsprechern. Der erste Schritt versteht sich als das Finden einer neutralen Zone für die beiden Lautsprecher. Die Vorgehensweise ist verblüffend einfach, einleuchtend und sie eignet sich für Lautsprecher aller Marken. Anschliessend werden die Lautsprecher platziert und der Hörabstand zur Hörposition gemessen, ausgehend vom linken oder rechten Lautsprecher, sowie von der exakten Höhe der Hörachse (die Position des Ohrs). Mit diesen Abmessungen findet man in den mitgelieferten Tabellen exakte Anweisungen für die Einstellungen der Winkel und der Distanzen aller Schallwandler-Module, im Fall der Alexx V jeweils deren drei.

Dann folgen noch die Feineistellungen anhand der individuellen Beurteilung von klanglichen Resultaten, aber auch der eigenen Präferenzen. Falls Sie sich für den Kauf einer Alexx V entschliessen, können Sie voraussetzen, dass Ihnen beim Setup fachmännisch geholfen werden wird.

Am Schluss dieses Testberichts finden Sie ein ausführliches Video zu W.A.S.P.

Kassette mit Farbmustern für alle Wilson-Audio-Lautsprecher.Kassette mit Farbmustern für alle Wilson-Audio-Lautsprecher.

Testbetrieb

Die Alexx V benötigen mit einem beachtlichen Wirkungsgrad von 92 dB bei einem Meter Abstand gemessen keine Kraftwerke für die Verstärkung. Wilson Audio spezifiziert minimal 50 Watt pro Kanal. Bei einer Nominalimpedanz von 4 Ohm und einem Impedanzminimum von 2 Ohm bei 250 Hz benötigt man einen laststabilen Verstärker – einen, der wirklich Strom liefern kann. Beim Test wurden die Monoendstufen M400 von D'Agostino eingesetzt. Der Vorverstärker war der SP20 von Acoustic Research, ein Röhrengerät. Als Quelle dienten Streamer und CD-Player/DAC von Esoteric. Der Ethernet Switch war der Phoenix NET von Innuos.

Die Demo-Kette mit Elektronik von Esoteric, Acoustic Research, D'Agostino und Innuos.Die Demo-Kette mit Elektronik von Esoteric, Acoustic Research, D'Agostino und Innuos.

Die Alexx V benötigen keine freie Aufstellung im Raum, um perfekt räumlich und dreidimensional zu klingen, wie sich später herausstellen sollte. Sie waren beim Test mit der Rückseite weniger als 1 Meter von der Fensterfläche entfernt, die den Raum hinter den Lautsprechern begrenzte. Die Alexx V sorgen für eine gerichtete Schallwellenausbreitung in Richtung Musikhörer – gerade so, wie wir Menschen Schallwellen ausbreiten, wenn wir sprechen oder rufen oder singen. Gerichtete Abstrahlung ist das einzig Richtige meiner Meinung nach, denn alles andere ist bereits in der Aufnahme. Ich bin nach wie vor kein Freund von Dipolen, bei denen ich immer das Gefühl habe, dass sie nicht wegen dieser Eigenschaft gut klingen (können), sondern eher «trotz».

Auf den Hörplatz in der Mitte wurden die Wilson Alexx V mittels W.A.S.P. perfekt ausgerichtet und perfektioniert.Auf den Hörplatz in der Mitte wurden die Wilson Alexx V mittels W.A.S.P. perfekt ausgerichtet und perfektioniert.

Der ganz grosse Klang

Die drei grossen Lautsprechermodelle von Wilson, die Alexx V ist der kleinste von den dreien, vermitteln natürlich immer den Eindruck, sich über den Musikhörer zu beugen, quasi auf ihn herabzuschauen. Das führt dann gerne zu einer durchaus falschen Wahrnehmung, nämlich der, dass die Musik ähnlich wie ein Wasserfall von oben auf uns herabfällt. Um sich solcher Vorstellungen zu entziehen, schliesst man am besten eine Weile die Augen und steht während dem kritischen Zuhören auch einmal vom Sessel auf. Dabei verändert sich die Höhe der Akteure auf der Klangbühne keineswegs, oder nicht wirklich deutlich. Dieser Höreindruck bestätigt die perfekte Zeitrichtigkeit.

Der unglaublich präzise Fokus und die schon fast extreme Plastizität macht sich besonders bei modernen und auch bis zum Letzten herausgepützelten Aufnahmen bemerkbar. So empfunden bei Dominique Fils-Aimeé «There is probably Fire» – ein wirklich grossartig gemachter Track! Und als ich dann nach vielen Jahren wieder einmal Sara K. «I can't stand the Rain» zu Gehör bekam, nachdem ich den Song zu oft gehört hatte, staunte ich nicht schlecht, was die Alexx V und ihre Zuspieler damit anstellten. Es war eine gespenstische Präsenz, wie auch im Song «Brothers in Arms» von Club for Five oder «Bitter Ballad» von Youn Sun Na, mir vorher unbekannt.

Zu den Stimmen und den Instrumenten mit viel Timbre (wie die von Arné Domnérus nicht so oft benutzte Klarinette) kann man sagen, dass sie unvergleichlich atmosphärisch aus dem Raum herausgebildet, modelliert und an ihrer «hörbaren» Oberfläche perfekt verarbeitet in Erscheinung traten. Holz klang also auch wunderbar.

Wenn Sie die Gelegenheit haben, hören Sie sich doch einmal «The Pink Panther Theme» an – und zwar nicht die Mancini-O-Version, sondern die Interpretation von Fatboy Slim und dem Alan Tew Orchestra. Das ist eine Klangbühne! Und dazu braucht es nicht einmal eine Alexx V. Doch mit ihr kam auch das trashige Element in dieser Aufnahme unglaublich locker und gut zur Geltung. Dann musste ich noch den Nils Lofgren hinter mich bringen. «Keith don't go» ist auch so eine überstrapazierte Nummer, aber ich bereue es nicht. Auch dort waren Dinge zu hören, die mir neu vorkamen.

Ich glaubte, Musik mit der Alexx V nicht nebenbei hören zu können, leise im Hintergrund, doch weit gefehlt: Es mag nicht der Zweck eines solchen Systems sein, aber im Hintergrund verbreiteten die Wilson beim Leisehören eine richtig gute Stimmung, die man um Mitternacht wirklich ungestraft geniessen kann.

Es mag auch an der unterschiedlichen Aufstellung gelegen haben, aber mir gefällt die Alexx V besser als die grössere Chronosonic XVX, die ich einmal im gleichen Raum hörte und an die ich mich im Vergleich erinnerte. Bei der Alexx V kommt mir der «Goldene Schnitt» als Metapher in den Sinn. Die Verhältnisse sind nahezu perfekt.

Ich stellte mir aber auch die vielleicht ungnädige Frage, warum Musik mit der Alexx V und durchaus auch anderen grossen Lautsprechern so viel überzeugender herüberkommen kann als in jedem bisher besuchten Tonstudio-Regieraum – dort wo die Aufnahmen ja eigentlich herkommen. Es ist gerade so, wie wenn die Köche dort aus dem Gedächtnis abschmecken. Mit Lautsprechern wie der Alexx V ist das viel zitierte «Hören Sie die Musik, wie sie die Musiker und Tonleute bei der Aufnahme hören» eine Art Mysterium, weil es dort gar nicht so gut klang ...

Test-Setting mit den Wilson Alexx V. Test-Setting mit den Wilson Alexx V.

Fazit

Die Alexx V von Wilson ist ein unglaublich faszinierend klingender Lautsprecher, der mich in jeder Hinsicht begeisterte, sodass ich meine Euphorie nicht zurückhalten kann. Ich kann ihn mir – und die ganze Elektronik dazu – nicht leisten. Wenige können oder tun das. Man kann nicht mit gutem Gewissen von einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis sprechen. Aber: Jeder Hersteller, ob mit grosser Tradition oder dem Mut des Newcomers ausgestattet, muss sich wohl an Wilson Audio messen. Dessen bin ich mir sicher.

Kostenpunkt: 159'000 CHF/Paar inkl. MwSt. für Standardfarben und 162'000 CHF/Paar für die Upgrade-Farben.

Im nachfolgenden interessanten Video erfahren Sie eine Menge über W.A.S.P.

Steckbrief
Modell:
Alexx V
Profil:
Sehr aufwändiger Mehrweg-Standlautsprecher mit ausgeklügelter Hörplatz Optimierung W.A.S.P.
Pro:
Klang: Perfekte Balance von Exaktheit und musikalischer Illusion
Sehr hohes Suchtpotenzial
Guter Wirkungsgrad
Contra:
Abgesehen vom Preis gibt es nichts zu meckern.
Preis:
159,000.00 CHF
Hersteller:
Wilson Audio
Jahrgang:
2021
Vertrieb:
Audio Video Spalinger AG
Masse:
1610 x 400 x 680 mm
Gewicht:
2 x 227 kg
Farbe:
zahlreich
Bass:
2 x dynamisch
Bauprinzip:
Bassreflex
Empfohlene Leistung:
50 Watt
Frequenzgang:
20Hz - 32kHz ± 3dB
Hochton:
Seiden-Kalotte
Impedanz:
4 Ohm
Mittelton:
2 x dynamisch, ventiliert
Wirkungsgrad:
92 dB
Onlinefassung: https://www.avguide.ch/testbericht/test-des-standlautsprechers-alexx-v-von-wilson-an-den-ohren-gepackt
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