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TESTBERICHT
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Publikationsdatum
27. April 2009
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Kenner wissen: Die Klangqualität eines Lautsprechers steigt nicht linear mit dem Preis an.

Und so ist es möglich, dass Boxen, die wesentlich teurer zu stehen kommen als ein Paar Dynaudio Focus 360, nicht um Welten besser klingen.

Ja es kann vorkommen, dass eine superteure und sehr aufwendige State-of-the-Art-Kombination im Blindtest sogar schlechter bewertet wird als eine sauber angesteuerte Focus 360.

Der Grund könnte – wie in vielen anderen Fällen – darin liegen, dass der Klang der Top-Anlage durch zu viel «Schnickschnack» vermiest wurde.

Das Geheimnis guten Klanges liegt meist in der Einfachheit einer Konstruktion und nicht in einer gigantischen Materialschlacht.

Wie heisst es doch so schön: Zu viele Köche – genauer gesagt: Chassis – vermiesen den Klang. Zwar stellt auch die Focus 360 nicht das Ende der Fahnenstange in Sachen Klangerlebnis dar.

In der Preisklasse bis und mit 10000 Franken hat sie jedoch gute Karten, sich als Massstab für ausgereifte und vernünftige Technik mit entsprechend hoher Klangkultur zu etablieren.

Gross und doch elegant

Wer die Focus 360 betrachtet, stellt fest: einfache, konventionelle, aber höchstwertige Technik, verpackt in ein stabiles Gehäuse mit viel Volumen.

Mit einer Höhe von 124 cm ist sie auch in einer weiträumigen Wohnlandschaft kaum zu übersehen und prägt das Wohnraumambiente zu einem guten Teil mit. Das ist aber kein Nachteil, denn sie ist trotz ihrer Grösse ein echtes Schmuckstück.

Die nach hinten sich verjüngende Form nimmt das Auge in positivem Sinne zur Kenntnis, und der Finish in Echtholzfurnier überzeugt mit makelloser Verarbeitung. Kurzum: Die Focus 360 gehört zu jenen Schallwandlern, die man als Statussymbole frei und damit gut sichtbar platzieren darf, ohne einen protzigen Eindruck zu erwecken.

Bei der Aufstellung dieses konventionell direkt abstrahlenden Schallwandlers sind die bekannten Regeln mit den erforderlichen Abständen zu den Rück- und Seitenwänden zu beachten.

Die Box sollte also, wie schon erwähnt, möglichst frei in den Raum gestellt und auf keinen Fall in Nischen gezwängt werden. Sie verhält sich aber bezüglich der Platzierung durchaus nicht zickig und muss auch nicht auf den Millimeter genau ausgerichtet werden.

Was jedoch unbedingt zu beachten ist: Aufgrund ihrer Grösse kann die Focus 360 erst ab einer Distanz von etwa 2,5 m ein wirklich homogenes Klangbild kreieren. Sitzt man zu nahe, so vermischen sich die Klangspektren der verschiedenen Chassis nicht zu einem homogenen Gesamtklang.

Power im Bass....

Die Focus 360 arbeitet mit der bewährten Doppelbass-Anordnung im Bassreflexgehäuse.

Zwei leistungsfähige 20-cm-Langhub-Tieftöner mit verwindungssteifer MPS-(Magnesium-Silikat-Polymer-)Verbundmembran werden durch Aluminium-Schwingspulen mit nicht weniger als 7,5 cm Durchmesser angetrieben.

Die Schwingspulenträger bestehen aus hochhitzefestem Kapton, die extrastarken Magnete aus Neodym.

Bei Dynaudio natürlich Standard sind die vibrationsresistenten Chassiskörbe aus massivem Aluguss.

Potent in den Mitten...

Wieder einmal sei erwähnt, dass es das unscheinbare Mitteltonchassis ist, welches den Klang einer Dreiwegbox zur Hauptsache bestimmt.

Da unser Gehör für mittlere Frequenzen die höchste Empfindlichkeit besitzt, reagiert es auch am empfindlichsten auf Verfärbungen im Bereich von 400 Hz bis rund 3 kHz. Gerade deshalb legt Dynaudio Wert auf ein absolutes Top-Chassis im Mitteltonbereich und spendiert ihm die bewährte, aus einem Stück gefertigte MPS-Membran, eine ultraleichte, jedoch hochbelastbare 38-mm-Schwingspule und einen Korb aus Aluguss.

Es übernimmt bereits ab 400 Hz und überträgt lediglich bis 2,2 kHz, was die Gefahr von Partialschwingungen so gut wie ausschliesst.

Resonanzfrei in den Höhen...

Darüber kommt der legendäre Esotar-Hochtöner zum Einsatz.

Er verwendet als Membranmaterial kein resonierendes Metall, sondern speziell imprägniertes Gewebe.

Dieser Treiber spielt locker und ohne messbare Höhenresonanz bis über 20 kHz. Gekühlt und bedämpft wird die Schwingspule mit einer magnetischen Flüssigkeit.

Hart im Nehmen

Die Frequenzweiche arbeitet mit 12 dB Flankensteilheit und ist bezüglich Impedanz- und Phasenverhalten optimiert.

Das gesamte System besitzt eine Empfindlichkeit von 88 dB. Dies bedeutet, dass der Lautsprecher schon bei mittlerer Eingangsleistung eine ansprechende Schallleistung erzielt.

Wer aber dynamisches Musikmaterial wie beispielsweiswe ein Sinfonieorchester einigermassen originalgetreu – soll heissen: dynamikgerecht – in seinen Hörraum zaubern will, der weiss, dass dafür hohe Wattzahlen vonnöten sind.

Aber mit der Focus 360 ist das kein Problem, denn die Angaben für ihre Belastbarkeit zeigen, dass sie hart im Nehmen ist und auch mal locker Impulse bis zu 500 Watt und mehr verkraften und verzerrungsarm in Schall umsetzen kann.

Natürlich spielt der Traditionshersteller Dynaudio auch im Gehäusebau sein Know-how voll aus. Das schwere Gehäuse ist innen aufwendig verstrebt, und auch bei hohen Lautstärken sind Vibrationen an den Gehäusewänden kaum spürbar. Das sind beste Voraussetzungen für eine von Resonanzen ungetrübte Wiedergabe.

Denn nur die Chassis sollen Musik machen und nicht das Gehäuse. Eine entsprechend solide Konstruktion trägt denn auch ganz massgeblich zur Klangkultur eines Lautsprechers bei.

Stunden der Wahrheit

Die Focus 360 wurden in einem normal bedämpften Wohnraum mit ca. 40 m2 via konventionelle Litzenkabel mit 6 mm2 Querschnitt an eine bewährte US-Kraft-Bolide mit warm-dynamischem Klang geschnallt. Ein hochwertiger SACD-Spieler lieferte fein aufgelöste Signale.

So kann sich jeder selber ausdenken, was mit hochwertigen Kabeln und edlem Equipment darüber hinaus noch aus den Boxen herausgekitzelt werden könnte. Unser Test zeigt lediglich die mögliche Basis. Optimieren mit Komponenten seiner Wahl und seines persönlichen Geschmacks kann jeder noch selber...

Eigentlich könnte man diesen Hörtest mit einem einzigen Wort ganz kurz machen. Es lautet: Klangperfektion! Tester hören bekanntlich anders als Musikliebhaber.

Der Tester will die Grenzen des Testobjektes ausloten, will das Klangbild zerpflücken und Mängel kritisieren. Den Hörer hingegen interessiert nur eines: Bereitet mir das Gerät Freude oder nicht?

Klangbild analysiert...

Betrachtet man Breitbandigkeit, Räumlichkeit, Klangdefinition und Dynamik, so spielt die Focus 360 ganz klar in der obersten Liga. Es gibt kaum etwas ernsthaft zu kritisieren, hingegen viel zu loben.

Obwohl die Focus 360 «nur» mit einem Kalottenstrahler und weder mit einem exotischen Treiber wie etwa einem Bändchen noch mit einem elektrostatischen Hochtöner bestückt ist, vermag die Hochtonwiedergabe restlos zu überzeugen. Die Gewebekalotte klingt absolut hervorragend, ohne unnatürliche Schärfe und ohne das sogenannte «Ringing» vieler Metallkalotten, die aufgrund von Materialresonanzen am oberen Rand des Hörbereichs der Musik künstliche Glanzlichter aufsetzen.

Dem Mitteltöner darf man ebenfalls exzellente Eigenschaften zugestehen, auch er bietet eine beispielhafte Transparenz und Klangschönheit.

Und dann der Tieftonbereich: Das Doppelbasssystem in Verbindung mit viel «Hubraum» liefert Bässe mit einer unglaublichen Leichtigkeit, mit Tiefgang und Präzision. So, damit hätten wir das gesamte Klangspektrum besprochen – kommen wir zur Musik.

Von Brillanz und Verfärbungen...

Weder Aluminium noch Titan: Auch der Dome aus einem speziell imprägnierten Gewebe trägt zum lupenreinen Klang der Focus 360 bei

Der Klang der Focus 360 erinnerte mich an die ersten Hörerfahrungen mit dem Diamanthochtöner von B&W: Im ersten Moment glaubt das an Metallkalotten gewöhnte Ohr, es fehle dem Klang an Brillanz und Auflösung. Bekannt ist, dass es Lautsprecher gibt, die einen gleich vom ersten Moment an durch ihre ungeheure Brillanz und Feinzeichnung in den Bann ziehen. 

Doch bereits nach einigen Stunden oder eventuell auch erst nach Wochen und Monaten bemerkt das sensible Gehör, dass dieser vermeintliche, herrliche Obertonreichtum bei allen Arten von Musik gleichermassen vorherrscht.  Und muss schliesslich konstatieren: Dieser artifizielle Hochtonglanz ist eine Klangverfärbung!

Ist man bei dieser Erkenntnis angelangt, ist guter Rat in der Tat teuer, denn gegen solche Klangeffekte gibt es kein echtes Heilmittel. Mit Kabeln und Elektronik darf nun gebastelt und der Geldbeutel erleichtert werden. Eventuell gelingt es dann tatsächlich, einen grellen Hochtonbereich zu entschärfen – die Hochtonresonanz als solche wird man nie und nimmer restlos beseitigen können!

So darf man feststellen, dass es Dynaudio mit Sprüchen wie «Dänen lügen nicht» absolut ernst ist: Die Focus 360 bringt nur das, was auf der Aufnahme wirklich drauf ist! Sie gehört zu jener Qualitätsklasse, bei der man Empfehlungen wie «Speziell geeignet für Klassik, aber weniger für Techno....» getrost vergessen kann. Boxen auf dem Niveau der Focus 360 beherrschen alle musikalischen Stilarten von der zarten Solo-Blockflöte bis zur gigantischen Kirchenorgel, von den feinen Klängen eines Streichquartettes bis zu knallhartem Rock.

Fazit

Mit der Focus 360 beweist der dänische Lautsprecherspezialist Dynaudio, dass die alte Weisheit «Nur Gehäusevolumen schafft echtes Klangvolumen» auch heute noch ihre Gültigkeit hat.

Wer Freude an Klangperfektion und an einem nicht zu übersehenden, dabei zeitlos elegant gestylten Statussymbol hat, ist bei der Focus 360 genau an der richtigen Adresse. Hoher Langzeit-Hörspass und Werterhalt garantiert.

STECKBRIEF
Modell:
Focus 360
Profil:
Mit der Focus 360 ist Langzeit-Hörspass und Werterhalt garantiert.
Pro:
hervorragender Klang; exzellente Verarbeitung; höchste Dynamik mit potenten Verstärkern; angemessener Preis; trotz ihrer Grösse elegant
Contra:
kann nicht übersehen werden;
Preis:
4,250.00 CHF
Hersteller:
Jahrgang:
2008
Vertrieb:
Masse:
248 x 1240 x 385 mm
Gewicht:
36,1 kg
Farbe:
Ahorn, Kirsche, Palisander und Esche schwarz
Bass:
20 cm Tieftöner in Doppelbass-Anordnung
Bauprinzip:
3-Wege, Bassreflex
Frequenzgang:
31 - 25'000 ± 3dB
Hochton:
Esotar Gewebehochtöner
Impedanz:
4 Ohm
Maximale Leistung:
> 300 Watt
Mittelton:
150 mm MPS-Membran
Wirkungsgrad:
88 dB
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