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TESTBERICHT
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Publikationsdatum
21. September 2009
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Erstaunlich viel Zeit - mehr als sechs Jahre - hat sich Sennheiser gelassen. Nun kommt vom norddeutschen Professional-Audio-Spezialisten endlich wieder ein Kopfhörer der Spitzenklasse. Der zuletzt in diesem Segment lancierte HD 650 datiert bereits aus dem Jahr 2003, ist allerdings nach wie vor erhältlich und erfreut sich anhaltender Beliebtheit. Wirklich highendig ist dieser allerdings eigentlich nicht. Für allerhöchste Ansprüche gabs Anfang der 90er-Jahre den legendären elektrostatischen Kopfhörer Orpheus sowie seinen bezahlbaren Ableger HE 60 - beide längst nicht mehr erhältlich und begehrte Sammlerobjekte.

Nun hat sich Sennheiser wieder einmal daran gewagt, einen Kopfhörer zu entwickeln, der ein deutlich besseres audiophiles Hörerlebnis ermöglicht als bis anhin. Um dies zu verwirklichen, war ein erheblicher Material- und Konstruktionsaufwand vonnöten, denn nur so kann man sich von der klanglich sehr guten 600-Franken-Klasse abheben. So verwundert es nicht, dass der neue HD 800 dreimal so viel kostet wie das bisherige Spitzenmodell HD 600. Lohnt sich der Aufpreis?

Alles etwas grösser

Die abgestrahlten Schallwellen treffen leicht schräg auf das Ohr und verbesseren so das räumliche Hören

Schon das äussere Erscheinungsbild macht deutlich, dass man es hier nicht mit einem Miniaturhörer, sondern einer XL-Ausgabe zu tun hat. Und auch beim Innenleben - Wandler, Schwingspulen und Magnete - kommen deutlich grössere Komponenten als üblich zum Einsatz. Prinzipiell ist hinsichtlich eines Mehrs an Dynamik, Bass- und Grundtonvolumen auch eine Ver­grösserung der Membranfläche wünschenswert. Allerdings wächst dabei die Gefahr von Partialschwingungen und schlechtem Impulsverhalten im Mittelhochtonbereich.

Um dem zu entgehen, schuf Sennheiser eine neuartige Ringmembrane, deren Struktur aus zwei ringförmigen Teilflächen die abstrahlende Gesamtfläche gleichzeitig vergrössert und versteift. Im Unterschied zu einer herkömmlichen Kuppelmembran ist sie zweifach - nämlich auch innen - aufgehängt, was sie stabilisiert und für Flattern weniger an­fällig macht. Gleichzeitig erlaubt die ausgetüftelte Konstruktion hohen maximalen Hub der Membran, sodass im Zusammenspiel mit der 40-mm-Schwingspule und dem starken Neodymmagneten über einen weiten Frequenzbereich ein sehr hoher Schalldruck bei niedrigen Verzerrungen realisierbar wird.

Um räumliches Hören möglich zu machen, wurde das Innenvolumen der Muscheln gegenüber dem HD 650 deutlich vergrössert. Diese sind so konstruiert, dass die abgestrahlten Schallwellen leicht schräg auf das Ohr treffen und mit minimalen zeitlichen Unterschieden in den Gehörgang und zum Trommelfell reflektiert werden. Solche Laufzeitunterschiede sind essenziell für eine plastische Abbildung des Musikgeschehens.

Vorne-Ortung

Die eingeschränkte Vorne-Ortung ist ein wunder Punkt bei Kopfhörern: Was in der Akustik unter dem Stichwort «binaurales Hören» abgehandelt wird, setzt Laufzeitunterschiede der von den beiden Ohren empfangenen Schallanteile voraus. Dies ist
bei Stereolautsprechern, die als Schallquellen vorne links und rechts vom Hörer positioniert sind, kein Problem.

Beim Kopf­hörer aber wohl, da die beiden Schallquellen seitlich montiert sind und kaum Signalanteile an das jeweils andere Ohr gelangen. Die typische Konsequenz ist die sogenannte Im-Kopf-Lokalisation, die vom Hörenden als unnatürlich empfunden wird, weil das musikalische Geschehen seitlich bzw. hinten geortet wird. Aufgrund der seitlich zu den Ohren angeordneten Schallwandler funktioniert die räumliche Musikwahrnehmung mit Kopfhörern also nur sehr eingeschränkt.

Mit einem besonderen konstruktiven Aufwand wie beim Sennheiser HD 800 (grosse Muschel, wellen­förmige Membran) wird eine zwar nicht absolut realistische, gleichwohl eindrückliche räumliche Abbildung des Musikgeschehens dennoch möglich. Obwohl keine echte Vorne-Ortung wie beim Hören über Lautsprecher geboten wird, werden verschiedene Solisten oder Musikquellen räumlich diffe­renziert abgebildet. Dabei hilft das eigene Vorstellungsvermögen in einem psychoakustischen Lernprozess mit, das Musikgeschehen imaginär nach aussen hin zu verlagern.

Edle Materialien

Der HD 800 wird im Handarbeit in Heilbronn und nicht etwa in Fernost produziert.

Als Basis verwendet Sennheiser spezielle Kunststoffmaterialien, die in der Luftfahrttechnik als Ersatz für hochfeste Metalle zum Einsatz kommen. Ohrmuschel und Schallwand sind mittels exklusiven Edelstahlgewebes zu einem Bauteil verschmolzen.
Das Kopfband besteht aus zwei Edelstahlformteilen, die durch eine hochdämpfende Folie miteinander verbunden sind. Die Ohrpolster sind aus hautfreundlichem Alcantara, der spezielle Staubschutz kann ebenso wie die Polster abgenommen und in warmem Wasser gereingt werden.

Die für den HD 800 entwickelten symmetrischen Kabel bestehen aus versilbertem, sauerstofffreiem Kupfer und sind mittels kevlarverstärkten ­Kabelmantels gegen Mikrofonie, Körperschall und elektromagnetsiche Einflüsse abgeschirmt. Sie docken über einen Rastmechanismus unten an den Hörern an und lösen sich bei kräftigem Zug automatisch.

Komfort und Klangkultur

Im Vergleich mit dem bewährten HD 650 zeigt sich der HD 800 von Beginn an hochklassiger. Schon beim Aufsetzen: Er bietet deutlich mehr Platz und damit auch mehr Luft für die Ohren. Diese werden weniger schnell heiss. Die Polster sind grösser, liegen gleichmässiger auf und verursachen weniger Druckgefühl. Eine tolle konstruktive Leistung, wenn man berücksichtigt, dass der Anpressdruck der Polster wesentlich über die Qualität der Tieftonwiedergabe eines Kopfhörers mitentscheidet. Meist wird ein voluminöser Bass durch eine zu harte Polsterung erkauft.

Nicht so beim HD 800, der insgesamt einen ausgezeichneten Langzeit-Tragekomfort offeriert. Auch klanglich setzt er sich auf Anhieb vom bisherigen Spitzenmodell HD 650 ab. So agiert er im Bass deutlich straffer und zeigt dennoch Druck und Tiefgang. Sowohl Männer- wie Frauenstimmen kommen ausgesprochen frei, ungepresst und unverfärbt. Spätabendliche Operndarbietungen werden über den HD 800 zum Hochgenuss. Dies auch, weil die tonale Abstimmung beim HD 800 wirklich gut gelungen ist: Streicher kommen nicht zu grell, sondern tendenziell weich und gut geniessbar. Dabei verfügt der Hörer über ein superbes Auflösungsvermögen und überzeugt mit einer hohen, dabei unaufdringlichen Detailtreue.

Edle Materialien mit Langzeit-Tragekomfort
Fein- und grobdynamisch verhält sich der HD 800 mustergültig. Man muss einerseits nicht laut aufdrehen, um ein vitales Musikerlebnis zu realisieren. Andererseits schmerzen laute Fortissimo-Stellen, wie sie bei klassischer Musik häufig vorkommen, ebenfalls nicht. Hier macht sich die hohe Verzerrungsarmut - eines der expliziten Entwicklungs­ziele beim HD 800 - positiv bemerkbar. Tatsächlich klingt der Hörer auch beim Lauthören noch so angenehm, dass man gelegentlich das Volumen bewusst zurücknehmen muss. Denn lang anhaltendes Lauthören schadet erwiesenermassen der Gesundheit.

Der grösste Fortschritt wurde wohl bei der räumlichen Abbildung erzielt: Der HD 800 klingt deutlich luftiger und weiträumiger als der zwar ebenfalls präzise, aber vergleichsweise flach agierende HD 650. Der Neue eröffnet eine breit aufgefächerte Klangbühne mit mehr als 180 Grad Rundumklang.

Eine echte Vorne-Ortung kann er zwar prinzipbedingt nicht anbieten. Dennoch sind die verschiedenen Standorte von Solisten und Einzelinstrumenten räumlich differenziert wahrnehmbar, ebenso wie Nachhalleffekte bei guten 24-Bit-Aufnahmen. Das Musikgeschehen lebt und pulsiert: Der HD 800 gibt es dramatisch, eindringlich oder zart bis intim wieder - ganz so, wie es vom Dirigenten, Interpreten und Tontechniker jeweils beabsichtigt wurde. Der Sennheiser HD 800 eignet sich somit nicht nur für audiophile Geniesser, sondern genauso für professionelle Anwender, welche die Durchhörbarkeit und Tonalität einer Aufnahme beur­teilen müssen.

Fazit

Lohnt sich für den neuen HD 800 ein Aufpreis von 1000 Franken gegenüber dem bewährten HD 650?

Ich meine ja, denn er wurde in jeder Hinsicht subtil, aber nachhaltig verbessert. Mit der Folge, dass man mit ihm im Alltag deutlich mehr Musik hören wird. So gehört er zur seltenen Kategorie an Kopfhörern, die - im Vergleich zu hochwertigen Lautsprechern - ein Musikhören praktisch ohne Abstriche möglich machen. Auch gegenüber den ähnlich teuren Mitbewerbern braucht sich das neue Topmodell von Sennheiser in keiner Weise zu verstecken.

STECKBRIEF
Modell:
HD 800
Preis:
1,590.00 CHF
Hersteller:
Jahrgang:
2009
Vertrieb:
Masse:
- mm
Gewicht:
0,33 kg
Farbe:
Silber
Bauprinzip:
Dynamisch, offen
Frequenzgang:
14 ? 44'100 Hz ± 3dB
Impedanz:
300 Ohm
Wettbewerb