22. Oktober 2017 | seit 1999
MUSIKREZENSION
ARTIKEL
Publikationsdatum
17. Februar 2017
Themen
Drucken
Teilen mit Twitter

Wenn ich dieses Album einordnen müsste, wüsste ich ehrlich gesagt nicht, ob es unter «C» wie Candoli oder «R» wie Rosolino zu platzieren wäre. Allem Anschein nach bin ich damit nicht allein, findet man im Internet die CD doch unter beiden Namen – oder gar nicht. Die LP dieser MPS-Live-Aufnahme war auch nur kurze Zeit erhältlich, war schon wenige Monate nach ihrem Erscheinen ausverkauft und wurde aus unerfindlichen Gründen nicht nachgepresst. Doch anscheinend besinnt man sich heute der vielen aussergewöhnlichen Aufnahmen, die man (glücklicherweise) sicher aufbewahrte, digitalisiert sie nach neusten Qualitätsnormen und stellt sie als High-Definition-Download bereit.

Der Posaunist Frank Rosolino und der Trompeter Conte Candoli waren schon seit den 50er-Jahren befreundet, als sie zusammen im Orchester von Stan Kenton spielten. Zusammen waren sie auch während einiger Jahre als Solisten mit der Gruppe Supersax unterwegs, hatten vor allem in Japan riesige Erfolge gefeiert, aber auch für MPS zwei Alben aufgezeichnet (die ebenfalls restauriert wieder erhältlich sind).

Die vorliegende Konzertaufnahme klingt sehr nach Jamsession (und das meine ich überhaupt nicht im negativen Sinn): Die drei Begleitmusiker kommen genauso zum Zug wie die beiden Hauptakteure, doch sind die Soli anscheinend weder in ihrer Reihenfolge noch in der Länge abgesprochen. Auch die Schlagzeug-Vierer werden zu -Achter und dank der enormen Routine aller Musiker und dem «Aufeinander hören» klappt jeder Einstieg wieder perfekt. Einzig Isla Eckinger, der vielseitige Schweizer Musiker mit internationalen Lorbeeren, der in dieser Session mit seinem Bass das pfundig-swingende Fundament bildet, kommt als Solist nicht zum Zug.

Es ist schlicht atemberaubend, was Frank Rosolino aus seiner Posaune hervorzaubern kann, sowohl punkto Tonumfang als auch punkto Geschwindigkeit und Exaktheit, ganz zu schweigen von seinem Einfallsreichtum, z. B. in der Ballade «Don’t Take Your Love from Me», seiner Solonummer. Doch auch Conte Candolis Agilität, die er immer wieder, jedoch speziell in «Darn that Dream» unter Beweis stellt, sucht ihresgleichen und zeigt seine Vorliebe für Dizzy.

Der niederländische Pianist Rob Pronk gilt als international erfahrener Allrounder, der schon mit vielen anderen US-Jazzgrössen aufgetreten war. Seine Soli sind interessant, doch für meinen Geschmack ist sein Begleitstil etwas grob. Dies könnte jedoch zu einem grossen Teil der Aufnahme des Pianos zugeschrieben werden (siehe unten).

Den Drummer Todd Canedy kannte ich nicht und konnte auch nicht viel über ihn in Erfahrung bringen, ausser dass er als gefragter Session- und Studiomusiker unter anderem auch bei den erfolgreichen Boney-M.-Produktionen von Frank Farian mitwirkte. In dieser Aufnahme beweist er auf alle Fälle seine Musikalität und Anpassungsfähigkeit, unterstützt nicht nur das rhythmische Fundament, sondern brilliert auch in diversen Soloeinlagen.

Das Cover der RCA-USA-Version-Doppel-CD, die wahrscheinlich vergriffen ist.

Interessanterweise gab es schon damals eine zweite LP vom selben Konzert, die unter dem Namen «Just Friends» veröffentlicht wurde und nun ebenfalls restauriert angeboten wird. Wer also nicht genug hat von dem 43-minütigen Mitschnitt, kann sich weitere 50 Minuten davon downloaden.

Und eine Doppel-CD von RCA USA enthielt sogar die gesamten Aufnahmen aus München sowie sechs Nummern, die in Italien mit einer italienischen Rhythmusgruppe aufgezeichnet wurden.

Klang

Natürlich, es ist ein Live-Mitschnitt eines Clubkonzerts mit enorm trockenem (beinahe «kartönigem») Soundcharakter. Das Klavier klingt mir zu harsch, zu spitz, die Becken des Schlagzeugs verschwinden oft im Hintergrund, die Trommeln (vor allem in den Soli) wirken «staubtrocken». Auch der Bassklang dürfte mehr Fülle aufweisen. Und dennoch gewöhnt man sich schnell an den Klang, kann mit geschlossenen Augen sogar die Club-Atmosphäre wie eine (glücklicherweise rauchfreie) Zeitreise miterleben. Und schlussendlich ist es ja die Musik, die, wenn sie so gut ist wie hier, die Klangqualität schnell in den Hintergrund drängt – denn schon nach ein paar Takten taucht man voll ins Geschehen ein, das einem von der (virtuellen) Bühne entgegenschallt.

Fazit

Eine Jazzaufnahme, die auf das Gesicht eines jeden Jazzfreunds ein freudiges Schmunzeln zaubern sollte: So viel Spielfreude, Fantasie, Improvisation und Können muss einen begeistern und schon nach wenigen Takten zumindest die Zehen zum Mitwippen animieren.

Umso trauriger stimmt einen, dass sich Frank Rosolino nur drei Jahre nach dieser Aufnahme das Leben nahm.

STECKBRIEF
Interpret:
Conte Candoli & Frank Rosolino
Besetzung:
Frank Rosolino (tb)
Conte Candoli (tp)
Rob Pronk (p)
Isla Eckinger (b)
Todd Canedy (d)
Albumtitel:
"Conversation"
Herkunft:
D/USA
Label:
MPS
Erscheinungsdatum:
1976/2016
Spieldauer:
43:15
Tonformat:
Flac 88.2
Aufnahmedetails:
Live-Aufnahme im Domicile Jazzclub, München
Medium:
Download
Musikwertung:
8
Klangwertung:
6
Download:
Wettbewerb