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MUSIKREZENSION
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Publikationsdatum
8. April 2015
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Überzeugende Aufnahmen und Wiedergaben klassischer Streichinstrumente, insbesondere der Violine, sind für jeden Tonmeister und Konstrukteur von High-End-Anlagen harte Knacknüsse. Sie sollten den ganzen Charme und das unglaublich komplexe Klangmuster dieser Instrumente nie grell-aggressiv, sondern ohne jede unnatürliche Kratzbürstigkeit und dennoch frisch und hervorragend durchzeichnet einfangen und wiedergeben können. So hörte ich in der Vergangenheit in Fachgeschäften und an High-End-Ausstellungen unzählige absolut grässlich klingende Streicher-Reproduktionen.

Für mich sind deshalb Streicherklänge immer die ersten Pflichtstücke, wenn es um die Beurteilung von High-End-Komponenten geht. Wichtig ist natürlich, dass man weiss, wie die Instrumente in Natura klingen. Die Behauptung, die Wiedergabe im Konzertsaal hätte mit einer Hi-Fi-Heim-Wiedergabe rein gar nichts zu tun, kann ich nicht ganz teilen.

Natürlich sollte man im grossen Konzertsaal nicht ganz hinten und hinter einer Säule sitzen und dann enttäuscht feststellen, es klinge hier ja so, als seien die  Hochtöner kaputt! Also sitzt man doch besser in einem kleinen Kammermusiksaal in den vorderen Reihen. Wer keine Ahnung hat, wie Instrumente wie Violine, Cello, Oboe und Fagott live klingen, kann auch keine Urteile über die Qualität einer High-End-Anlage fällen. Und eine absolute Unmöglichkeit ist es, die Klangneutralität einer Anlage mittels Synthesizerklängen zu beurteilen.

Zu grosse Erwartungen?

Doch zur aussagekräftigen Beurteilung gehören auch sehr gute Aufnahmen, und diese sind sehr rar. Deshalb stellte ich an das neuste Bach-Album von Joshua Bell allerhöchste Erwartungen. Hier könnte eventuell eine neue hochauflösende Referenz-Aufnahme gefunden werden, an der sich in Zukunft mässig gute High-End-Komponenten die Zähne ausbeissen ...

Der heute 46 Jahre junge Stargeiger Joshua Bell, so richtig populär geworden durch seinen bravourösen Einsatz im Film "The Red Violin" und durch den Besitz der wohl teuersten Geige dieser Welt, stellt hier sein erstes Bach-Album vor. Dass Bell einen Heidenrespekt vor Bach hat, drückt er selber wie folgt aus: "Seine Sonaten und Partiten sind der heilige Gral für Violinisten. An die wage ich mich noch nicht einmal heran".

In diesem Album tritt er nicht nur als Solist, sondern auch als Leiter der Academy of St. Martin in the Fields auf und bringt Werke, die mehrheitlich zu den am meisten aufgenommenen Stücken von Bach gehören. Auch das berühmte Air, welches an keiner anständigen Bestattung fehlen darf und  bei der breiten Schicht von Zuhörern immer wieder grossen Anklang findet, ist hier natürlich mit von der Partie. Schliesslich will nicht nur der Superstar Bell, sondern auch das Label Sony Classical mit diesem Album keine kleine Nische füllen, sondern es verständlicherweise in möglichst grossen Stückzahlen verkaufen. Dies nicht zuletzt um Bells vier Millionen Dollar schwere Stradivari zu amortisieren.

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