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Publikationsdatum
18. Oktober 2015
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Mit einer spröden Pressemitteilung (http://bit.ly/migros-wirft-weg) hat die Migros ihre Öko-Politik beerdigt. Sie schliesst ihren Reparaturdienst in Gossau und stellt 26 Mitarbeiter auf die Strasse. Kunden würden defekte Geräte eh lieber wegwerfen, statt sie reparieren zu lassen, lautet die Ausrede für die Sparmassnahme.

Das ist nur die halbe Wahrheit. Die Kunden würden ihre Geräte gerne reparieren lassen, wenn dies jemand zu vernünftigen Preisen machte. Kunden würden ihre defekten Geräte auch verschenken, wenn diese jemand flickt und wieder einem neuen Nutzen zuführt.

Nur will das kaum ein Händler. Anscheinend auch die Migros nicht. Obwohl diese als Genossenschaft dem Gemeinwohl verpflichtet wäre. Im Fall der Migros ärgert das besonders: Denn seit Jahren lässt mich der Konzern in Werbung zu ihren Öko-, Nachhaltigkeits-, Verantwortungs- und Gewissens-Kampagnen geradezu ersaufen. Nebenbei lässt sie damit auch meinen Altpapierberg fleissig wachsen. Dank Migros habe ich vermutlich einen kleinen Gutmensch-Heiligenschein, wenn ich mit meinem Wägeli voller Bio, Aus-der-Region und Fairtrade-Zeugs an der Kasse stehe. Der Heiligenschein flackert aber jeweils, wenn mir die Kassiererin die neusten Plastik-Schrott-Sammeldinger andrehen will.

Mit den Sparmassnahme im Reparaturdienst sendet die Migros eine klare Botschaft an ihre Kunden: Kauf mit gutem Gewissen! Aber wirf es schnell weg und kauf was Neues!

Bedürfnis vorhanden

Der Kunde will das gar nicht anders, lautet die faule Ausrede für die Wegwerf-Parole der Migros. Aber was würde passieren, wenn Migros sichtbarer kommuniziert, dass ihre Kostenvoranschläge gratis sind? Der Reparaturdienst könnte sich wohl vor Arbeit kaum mehr retten.

Was wäre, wenn ich der Migros mein defektes Gerät schenke könnte und die Migros sich um eine sinnvolle Weiterverwendung kümmert, statt Geräte nur schreddern zu lassen? Denn es gibt auch in der reichen Schweiz Menschen, die sich einen geflickten Fernseher gerne schenken lassen.

Selbst wenn solche Öko-Ideen in mehr Arbeit enden, könnte Migros profitieren. Warum sollen nicht Lehrlinge aus dem Elektronik-Bereich einen Monat lang im Reparaturdienst richtige Erfahrungen sammeln? An richtigen Geräten lernen, wie sie funktionieren und wie man sie flickt?

Flicken geht!

Dass Flicken funktioniert und Basteln die Lebensdauer von Geräten um Jahrzehnte verlängern kann, beweisen meine persönlichen Erfahrungen. Mein Sat-Receiver streikte nach zwei Jahren, weil ein Elko im Netzteil abrauchte. Ein zwei Franken teures Ersatzteil und 10 Minuten löten behoben das Problem dauerhaft. Der Receiver feiert demnächst seinen 10. Geburtstag und funktioniert tadellos. Meine Kaffeemaschine braucht jedes Jahr einen Zahnbürsteneinsatz. Weil der Hersteller den Dampfweg blöderweise durch die Elektronik führt, korrodiert die Leiterplatte regelmässig. Das Wegschrubben dieses Drecks hat die Lebensdauer des Koffeinspenders von zwei auf inzwischen acht Jahre verlängert.

Ein halbes Dutzend Elektronikgeräte in meinem Heim erhielten durch den einfachsten aller Tricks ein zweites Leben. Weil Hersteller bei den Steckernetzteilen jeden Rappen sparen, verheizen sich diese in wenigen Jahren. Ein neues Steckernetzteil schenkt in diesem Fall dem vermeintlichen Elektroschrott neues Geräteleben. Dazu muss man nicht einmal einen Schraubenzieher in die Hand nehmen.

Verkäufer mit Lötkolben

Als Konsument kann man einfach resignieren. Oder fragen, ob der Fernsehverkäufer neben einem Hochglanz-Showroom auch einen Lötkolben besitzt. Denn vielleicht ist ja die Öko-Kapitulation der Migros eine Chance für den Fachhandel. „Wir reparieren“ macht sich an der Ladentüre eigentlich besser als „Wir sind die billigsten“.

Nerven Sie sich über den Wegwerf-Zwang? Twittern sie Ihre Meinung mit dem Hashtag #wegwerfen_statt_flicken und sie erscheint automatisch am Ende dieses Beitrages. Selbstverständlich können Sie auch die übliche Kommentar-Funktion nutzen.

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