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Publikationsdatum
16. Februar 2016
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Menschen wollen Neues vor Althergebrachtem, weil es neu ist und nicht, weil es nützt. Wir wollen das Licht im Haus vom Smartphone aus steuern. Nicht, weil das nötig wäre oder immerzu gemacht werden müsste, sondern nur, weil man es kann.

Viele Konsumenten kaufen sich Multiroom-Systeme, weil es sie gibt – nicht weil sie diese brauchen. In der Küche reicht das Radio. Im Schlafzimmer auch. Im Wohnzimmer HiFi. Im Bad reichen Wasser und Seife.

Wir sehen und hören fern mit 500 Sendern plus Netflix. Sound wie im Kino. Bildauflösung so scharf, dass man im Fernsehstudio doppelt so viel Schminke braucht, damit wir nicht alle Nasenhärchen, Halsfältchen und Wimpern einzeln erkennen. Das Gesicht der Dame in „10 vor 10“ ist so gross wie Marilyn von Warhol. Ein Wachsfiguren-Kabinett.

Dann verlassen wir das traute „High Tech Home“, stülpen uns im ÖV den Bluetooth-Kopfhörer über die Rübe und streamen eine Playliste, aus Millionen Tracks ausgewählt, in unsere Gehörgänge, während wir die Mails checken und die Facebook-Likes zählen. Dann sehen wir uns noch ein paar „Föteli“ aus der Cloud an.

Die neuen Technologien, um das alles zu ermöglichen, sind genial, komplex und ausgefeilt. Sie waren teuer und das muss sich rechnen. Zum Glück haben wir Konsumenten vergessen, dass wir das alles – oder zumindest vieles davon – gar nicht bräuchten. Sonst ginge die Rechnung nicht auf.

Diese neuen Technologien haben die Qualität bei der Musikwiedergabe nicht verbessert. Es geht dabei nur um Mobilität, Anwendungsvielfalt und Bequemlichkeit. So klingt Musik ab CD und Schallplatte in Stereo immer noch deutlich besser als verlustbehaftete Musikdaten aus dem Internet, mit Bluetooth oder Airplay übertragen.

Immer noch behaupten Musikhörer und Protagonisten, es gäbe keine Unterschiede zwischen MP3 und CD. Dies nur deswegen, weil sie Musik noch nie in Ruhe und Anstand auf einer ordentlichen HiFi-Anlage gehört haben. CD-Qualität kann man auch streamen, zum Beispiel mit Tidal und Qobuz. Hi-Res kann man downloaden und bald auch streamen. Endlich geht es wieder in die richtige Richtung. Wird das denn endlich auch wahrgenommen?

Niemand braucht für die Musikwiedergabe einen neuen „Raumklang-Standard“. Niemand jedenfalls, der schon einmal richtig Stereo gehört hat. Ausgerechnet die, die darüber kaum Bescheid wissen, verlangen nach neuer Technologie.

Noch Fragen? Ja, eine Frage noch: Was treibt mich um? Es ist ja schliesslich mein Job, Technologien und Produkte zu empfehlen, Gutes zu rühmen und Unausgegorenes zu tadeln. Richtig, aber man soll das Ganze von Zeit zu Zeit aus der Distanz betrachten, die den Blick auf das Ganze erst erlaubt.

Ich denke, dass viele von uns wieder mehr eintauchen und entschleunigen wollen. „Entschleunigen“ ist ein Verb, das vor 10 Jahren noch gar nicht existierte. Der „Spellcheck“ (F7-Taste) hat es eben rot markiert.

Wen wunderts, dass man wieder Schallplatten hört.

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