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8. Oktober 2015
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Dank dem Schalter der Steckdosenleiste liegt die Stromproduktion eines mittelgrossen Atomkraftwerkes nun in meiner Hand. Ein Blick auf die Rückseite zeigt dann aber auf einer verschämten Etikette, dass die maximale Schaltleistung bei genau 10 Ampere liegt. Also doch nix mit AKW-Fernsteuerung.

Das Rätsel löst sich erst beim Studium eines Papierfetzelchens namens Handbuch. Der integrierte Netzfilter soll nämlich Spannungsspitzen bis 10‘000 Volt abfangen. Irgendein „Marketing-Tier“ hat daraus mit einer Fantasieformel die 15‘000 Ampère berechnet.

Die Beispiele von solchem Marketingblabla lassen sich beliebig erweitern. Wie wäre es mit Vernetzung über Stromkabel? Da prangt auf der Schachtel stolz der Wert von 1200 Mbit/s. In der Praxis bleiben davon zwar nur 10 bis 25 Prozent übrig. Aber das merkt man dann erst nach dem Kauf. Nur wer technisches Grundwissen hat, weiss, dass aus einem Adapter, den man per Ethernetkabel mit maximal 1000 Mbit an einem Ende füttern kann, am anderen Ende nie 1200 Mbit rauskommen können.

Noch toller sind die Zahlen bei drahtloser Vernetzung via WLAN. Von 3200 Mbit/s labert der Hersteller D-Link bei seinem AC3200 Ultra Wi-Fi Router. Dass man auf die Zahl nur kommt, wenn man den theoretischen Wert von drei gleichzeitigen Verbindungen mit drei Geräten addiert, steht nicht mal im Kleingedruckten. Auch der Ultra-Router ist übrigens ein datentechnischer Goldesel und produziert aus 1000 Mbit Futter wundersamerweise 3200 Mbit Ertrag.

Vodoo und Wunder

Zu phantasievollen Höchstleistungen schwingen sich die Marketingtiere aber erst auf, wenn es um digitale Kabel in der audiophilen Welt geht. Da werden USB-Kabel vergoldet, Ethernetkabel mit magischen Elixieren geschirmt und der bis zu 4-stellige Preis mit nebulösen Warnungen vor imaginären Tonveränderungen begründet. Das digitale Einmaleins bleibt da natürlich auf der Strecke. Ein Datenbit wird entweder fehlerfrei transportiert und die Musik ertönt unverfälscht. Manchmal, aber dann meist chronisch, geht ein Bit verloren. Dann verstummt aber die Musik.

Unbeantwortet bleibt im Marketingblablala auch, wie die Finanzjongleure dieser Welt mit billigen Ethernetkabeln Billiarden Franken in Lichtgeschwindigkeit über den Globus schaufeln. Dies übrigens, ohne dass dabei ein Räppli verloren geht. Tapfer verdrängt der Käufer des goldigen Ethernet-Steckers auch, dass er diesen letztlich in billige Blechdosen von Routern und Switches stöpseln muss. Denn die digitale Infrastruktur der Heimvernetzung basiert einfach auf günstiger Standardtechnik.

Kein Wunder also, dass ich mich von Verpackung und Werbung immer häufiger belabert statt informiert fühle. Gibt es eigentlich noch Hersteller, welche in nützliche Funktionen für ihre Produkte statt in Blabla auf Verpackungen investieren?

Denn obige Steckerleiste musste ich mir ja nur kaufen, damit mein Fernseher beim Ausschalten auch gleich Settop-Box und Spielkisten vom Stromnetz trennt. Warum TV-Hersteller nicht eine geschaltete Stromdose in ihre Geräte integrieren, bleibt eines der Rätsel, dem ich in der nächsten Kolumnen auf den Grund gehe.

Sie haben eigene Erfahrungen mit leeren Marketingversprechen. Twittern sie diese mit dem Hashtag #blabla-marketing und sie erscheinen automatisch am Ende dieses Beitrages.

Die nächsten Kolumen finden sie bei Twitter unter #avghäschtäg

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